Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Informationen von 2018

Gedenktag am 27. Januar 2018

Hier beginnen wir mit den Informationen zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018. Gerade in diesem Jahr gibt es dazu in Koblenz sehr zahlreiche und wichtige Veranstaltungen. Das Highlight ist die Sondersitzung des Landtages Rheinland-Pfalz am Gedenktag im Neuen Justizzentrum Koblenz. Aber auch die weiteren Veranstaltungen hier werden die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf den Gedenktag in Koblenz lenken.
 
Zur Einstimmung auf die Veranstaltungen hat unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig im Koblenzer LokalAnzeiger "Schängel" eine kleine Artikelserie begonnen. Den ersten Beitrag dokumentieren wir nachfolgend.
 
Den Artikel aus dem Schängel vom 3. Januar 2018 HIER lesen

 


 

Biografie über den kurzzeitigen Reichsarbeitsminister Dr. Friedrich Syrup

Syrup? Syrup? Wer war Syrup? Dr. Friedrich Syrup war der erste und einzige Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und kurzzeitige Reichsarbeitsminister. Er ist wenig bekannt – und dabei war er in der NS-Zeit viele Jahre der Chef des gesamten Arbeitseinsatzes. Wahrscheinlich wäre er ganz in Vergessenheit geraten, wenn in Koblenz in der frühen Nachkriegszeit nicht eine Straße nach ihm benannt worden wäre und kritische Stimmen jetzt eine Umbenennung fordern.

Auslöser war der Gedenkgang in Erinnerung an die mit der 1. Deportation aus Koblenz verschleppten Juden „nach dem Osten“. An der Sammelstelle für den beginnenden Holocaust damals liegt heute die Friedrich-Syrup-Straße. Ein aufmerksamer Bürger nahm daran Anstoß, die Stadtratsfraktion der GRÜNEN/Bündnis 90 stellte dazu eine Kleine Anfrage im Stadtrat, der SWR berichtete darüber und unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig schrieb dazu zwei kleinere Aufsätze in der Heimatzeitung „Blick aktuell“.

Dann wurde es still zu diesem Thema. Damit es nicht weiter still blieb, schrieb Hennig nach langen Recherchen einen umfangreichen Aufsatz über „Dr. Friedrich Syrup, die Stadt Koblenz und die Erinnerungskultur“. Dieser ist jetzt im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte erschienen. Vor wenigen Tagen wurde das Buch vorgestellt.

Lesen Sie HIER den Bericht von Blick aktuell Nr. 1 vom 4. Januar 2018

Man darf gespannt sein, ob die Stadt Koblenz nach vielen Jahren des Verdrängens und Beschweigens die Kraft aufbringt, die Straße umzubenennen – nicht mehr nach dem niemals in Koblenz lebenden Kriegsverbrecher Friedrich Syrup, sondern nach einem Opfer des Nationalsozialismus, etwa nach der wegen des Eintretens für ihren Glauben denunzierten und im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück umgekommenen einheimischen Anna Speckhahn. Unser Förderverein bleibt an diesem Thema dran. Das ist eine Nagelprobe, ob es die Stadt Koblenz wirklich mit der Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels unserer Geschichte ernst meint.

Lesen Sie weiter den Anfang des Aufsatzes von Joachim Hennig, nach einer angemessenen Wartezeit werden wir den Aufsatz auf dieser Webseite zur Verfügung stellen.

 

Es gibt sicher Wichtigeres und Dringlicheres
Dr. Friedrich Syrup, die Stadt Koblenz und die Erinnerungskultur, von Joachim Hennig

I. Eine Kleine Anfrage und die Reaktion darauf.
Im Koblenzer Stadtteil Rauental gibt es ein Viertel, dessen Straßen vielfach nach preußischen Beamten und Feldherren benannt sind: Blücherstraße, Scharnhorststraße, Gneisenaustraße, Yorckstraße, Boelckestraße, Steinstraße. Eine Straße trägt den Namen
Syrup – dies auch wohl zur besseren Identifizierung mit dem Vornamen Friedrich. Die Friedrich Syrup-Straße ist keine große Straße, auch keine Durchgangsstraße. An ihrem Anfang und Ende stehen neuere und größere Häuser, in ihrer Mitte kleine Einfamilienhäuser. Sie sind nach einem einheitlichen Entwurf in den 1930er Jahren entstanden, Siedlungshäuser wie sie damals üblich waren. Ein Schild am Straßennamen trägt den Zusatz: „Reichsarbeitsminister 1932-1933“.

Im Frühjahr 2017 ist diese Namensgebung wieder einmal in das Bewusstsein aufmerksamer Koblenzer Bürger geraten. Auslöser war der Gedenkgang am 22. März 2017 zur Erinnerung an die erste Deportation von 338 Menschen jüdischer Herkunft aus Koblenz
und Umgebung. Wie 75 Jahre zuvor trafen sich Koblenzer Bürger in der heutigen Freiherr vom Stein-Schule in der Steinstraße und gingen den Weg, den die 338 Menschen damals zum Abtransport vom Lützeler Bahnhof und damit in den Holocaust gehen mussten. Auf dem Weg dorthin machten sie Halt an der Synagoge, wo Totengebete gesprochen wurden. Dabei passierten sie auch die Friedrich Syrup-Straße. Nicht wenige fragten sich: Wer war dieser Friedrich Syrup – „Reichsarbeitsminister 1932-1933“? Einige gingen auf Spurensuche. Einer von ihnen wandte sich wegen der Umbenennung der Straße an den Oberbürgermeister der Stadt. Er antwortete ihm prompt: „Es ist Sache des Arbeitskreises Straßenbenennungen, sich mit den Straßennamen auseinander zu setzen. (…) Umbenennungen sind besonders schwierig, weil sie für die Anwohnerschaft mit hohem Aufwand
verbunden sind.“ Abschließend verwies er auf die (vermeintliche?) Volkesstimme: „Ich glaube nicht, dass sich die Bürgerschaft wünscht, diese Diskussionen und vor allem die damit verbunden(en) Aufwände nunmehr, Jahrzehnte nach dem Krieg, wieder neu
zu entfachen.“
Die Fraktion von Bündnis 90/DIE GRÜNEN begnügte sich nicht mit dieser „Basta“- Auskunft und stellte zur Umbenennung der Straße eine Kleine Anfrage im Koblenzer Stadtrat. Diese löste eine Berichterstattung in den Medien aus: einen Radiobeitrag des
Koblenzer Studios des SWR, einen Fernsehbericht der Landesschau aktuell des SWR, einen Artikel in der „Rhein-Zeitung“ – Ausgabe Koblenz – vom 12. April 2017, zwei Artikel des Autors dieses Beitrages in der Heimatzeitung „Blick aktuell“ – Ausgabe
Koblenz – vom 6. April und vom 20. April 2017 sowie zwei in der Rhein-Zeitung – Ausgabe Koblenz – vom 19. April 2017 veröffentlichte Leserbriefe. Beide Schreiber äußerten sich kritisch zu einer Straßenumbenennung. Einer lieferte das Motto für diesen
Beitrag: „Es gibt sicher Wichtigeres und Dringenderes, was in meiner Heimatstadt zu erledigen ist und in Ordnung gebracht werden muss, als die Umbenennung (unglücklich) gewählter Straßennamen.“
Da war er, geradezu typisch: der Widerstand gegen Umbenennungen. Sie sind im Allgemeinen nicht sonderlich beliebt, erzeugen vielmehr regelmäßig ein erhebliches Protestpotenzial.

Einer, der das wissenschaftlich aufgearbeitet hat. hat die Einwände gegen Umbenennungen systematisiert. Es gibt sechs typische Argumente dagegen. Die von Koblenzern publizierten Einwände bemühen die von ihm so genannten funktionalistischen
Argumente: „Bei diesen Argumenten werden praktische Gründe gegen eine Umbenennung ins Feld geführt. Insbesondere das Kostenargument spielt eine Rolle, wobei häufig auch Wertigkeiten hergestellt werden. ‚Erst sollten einmal die Straßen in Ordnung
gebracht werden, bevor man sich um die Namensgebung kümmert.’ Die Vermischung verschiedener Ebenen führt dazu, dass die Benennung als vermeintlich nachrangig erscheint. Dies ist auch bei der oft geäußerten Frage der Fall, ob man ‚nichts Besseres’
zu tun habe als sich um Benennungen zu kümmern. Derartige Argumente wehren die Auseinandersetzung mit dem Thema der Erinnerungskultur ab, indem sie es scheinbar marginalisieren.“ Man sieht: Die in Koblenz, der „Stadt zum Bleiben“ (Werbeslogan
der Stadt) ganz herrschende Meinung blockt mit den sattsam bekannten Argumenten eine inhaltliche Beschäftigung mit der Geschichtspolitik und der Erinnerungskultur der Stadt ab.
Damit das aber nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist, soll hier der Frage nachgegangen werden, was damit abgewehrt werden soll – ohne sich überhaupt Gedanken über den Namensgeber, die Motive der seinerzeitigen Straßenbenennung und über den Sinn, Zweck und Bedeutung von Straßenbenennungen zu machen........

 


 

Neue Biografie über Hitlers Innenminister Frick (1877 - 1946)
 
Unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig hat eine umfangreiche Biografie  über den in Alsenz/Nordpfalz geborenen Reichsinnenminister De. Wilhelm Frick geschrieben. Sie ist jetzt im Band 2 (Beiträge) des "Eisernen Buches der Stadt Bad Kreuznach 1917 - 2017" erschienen.

Der Anstoß zu diesem auch regionalgeschichtlich  interessanten Lebensbild war die Mitwirkung Hennigs als Experte in der von Julia Melan erarbeiteten SWR-Dokumentation über Frick in der Reihe "Bekannt im Land". Die Sendung wurde am 16. Oktober 2016 ausgestrahlt - an der 70. Wiederkehr des Tages, an dem Frick aufgrund des Todesurteils im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg hingerichtet wurde. Aus der Beschäftigung mit Fricks Biografie entstand dann dieser Beitrag im Begleitband zum Eisernen Buch der Stadt Bad Kreuznach.

Das Eiserne Buch wurde im Jahr 1917 in Bad Kreuznach angelegt, als im Ersten Weltkrieg dort das Große Hauptquartier eingerichtet wurde. Jahre später und bis 2017 führte man es dann als "Goldenes Buch" der Stadt weiter. Darin eingetragen hatte sich auch der aus Alsenz in der Nordpfalz stammende Wilhelm Frick. Das war im Jahr 1936, als er nach Bad Kreuznach und in seine alte Heimat kam, dort zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde und eine Siedlung (die heutige Märsch-Siedlung an der Bosenheimer Straße) nach ihm benannt wurde.

Im Jahr 2017 war das Eiserne Buch der Stadt Bad Kreuznach und wurde geschlossen. Als ein wichtiges Stück Stadtgeschichte brachte die Stadt jetzt als Band 1 das Faksimile dieses Eisernen Buches und als Band 2 Aufsätze zu den Eintragungen darin heraus. Einer dieser Beiträge ist die Biografie unseres stellvertetenden Vorsitzenden Joachim Hennig über Wilhelm Frick.

Lesen Sie HIER dazu den Artikel in der Allgemeinen Zeitung vom 3. November 2017
 
Lesen Sie weiterhin die Pressemitteilung der Stadt Bad Kreuznach zum Eisernen Buch


Lesen Sie als kleine Probe die ersten Seiten von Hennigs Aufsatz über Hitlers Innenminister Frick (Nur-Text)

 

Einleitung:

Die Nationalsozialisten lobten Wilhelm Frick als »größten Sohn der Nordpfalz« und als »engsten Mitarbeiter des Führers«. Otto Strasser, ein »links abweichelnder« Nazi, verspottete ihn als »typischen Durchschnittsverwaltungsbeamten«, das Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs von Nürnberg nannte ihn einen »führenden Nazi-Spezialisten und Bürokraten« und die örtliche Presse begrüßte ihn bei seinem Besuch in Bad Kreuznach als »Sohn unseres Nahelandes«. Wer war dieser Dr. Wilhelm Frick, der bei seinem Besuch des Nahelandes Ende Mai 1936 im Zenit seiner Macht war und einige Wochen später als Innenminister und damit als Sportminister an der Seite Adolf Hitlers bei den Olympischen Spielen in Berlin im Rampenlicht stand?

Verfolgen wir die 69 Jahre seines Lebens- und Berufsweges vom nordpfälzischen Alsenz bis zum Galgen in Nürnberg.

Kindheit, Jugend, Ausbildung und erste Berufsjahre in der Pfalz.

Wilhelm Frick wurde am 12. März 1877 in Alsenz, einem »Dorf im Norden der bayerischen Rheinpfalz« (Bezirksamt Rockenhausen/Bezirk Kirchheimbolanden), als jüngstes von vier Kindern des evangelischen Bezirksoberlehrers Wilhelm Frick und seiner Ehefrau Henriette, geb. Schmidt, geboren. Kurz vor der Geburt des Sohnes wurde der Vater Lehrer in Alsenz. Die Familie väterlicherseits stammte aus Duchroth, einem Dorf zwischen Bad Kreuznach und Idar-Oberstein, unweit der Mündung des Glan in die Nahe gelegen. Die Vorfahren waren meist Bauern und Winzer – sehr bodenständig und »arisch«. Die Bodenverwurzelung und die »Reinheit der Geschlechterfolge« waren Frick sehr wichtig – für seine eigene Biografie und dann auch für die Blut-und-Boden- und Rassenideologie der Nationalsozialisten.

Schon 1879 – der kleine Wilhelm war gerade einmal zwei Jahre alt – zog die Familie nach Kaiserslautern. Sein Vater machte weiter Karriere und wurde dort Bezirksoberlehrer (Schulrat). Wilhelm ging in Kaiserslautern zur Volksschule und dann zum Gymnasium. Schon früh, als er 16 Jahre alt war, starb seine Mutter. Sehr viel mehr wissen wir aus dieser frühen Zeit über Frick und seine Situation aber nicht. Es gibt auch keine persönlichen Aufzeichnungen von ihm – aus der späteren Zeit existieren auch nur wenige. Einer, der ihn aus der Jugend kannte, sagte über den Lehrersohn, er sei sehr verschlossen und ehrgeizig gewesen. Er habe sich sehr für Disziplin und Gerichtswesen interessiert und schnell andere beurteilt und verurteilt.

Nach seinem Abitur in Kaiserslautern begann Wilhelm Frick – was damals auch für einen Lehrersohn nicht selbstverständlich war – mit einem Studium. Er belegte an der Universität in München das Fach Philologie, sattelte aber schon nach einem Semester um und studierte Rechtswissenschaften. Sein Jurastudium setzte er in Göttingen und Berlin fort und legte im Jahr 1900 die 1. juristische Staatsprüfung ab. Anschließend war er bayerischer Rechtspraktikant (Rechtsreferendar) in Kaiserslautern. Gleichzeitig promovierte Frick an der Universität in Heidelberg zum Dr. jur. Später – als er schon Minister war – kam der Verdacht auf, dass er den Doktortitel zu Unrecht führe, weil man keine Dissertationsschrift von ihm fand. Der Vorwurf war aber unberechtigt. Wie die Juristische Fakultät der Universität mitteilte, konnte damals (bis 1904) die juristische Doktorprüfung wahlweise auch durch die Bearbeitung zweier vom Dekan zu bestimmender Textstellen bestanden werden. Von dieser, nicht unüblichen, Möglichkeit hatte Frick Gebrauch gemacht.

1903 legte er die Staatsprüfung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst die 2. juristische Staatsprüfung ab und war dann von 1904 bis 1907 Regierungsakzessist bei der Kreisregierung Oberbayern und Amtsanwalt bei der Polizeidirektion München.

Aus dieser Zeit ist eine dienstliche Beurteilung überliefert, in der Fricks Vorgesetzter ihn mit einer »Neigung zur Widerspenstigkeit« und als »verschlossen und hinterhältig« beschrieb.

Anschließend kehrte Frick in die Pfalz zurück. Bis 1917 war er Bezirksamtsassessor beim Bayerischen Bezirksamt (»Kreisverwaltung«) in Pirmasens. Nach dem äußeren Erscheinungsbild zu urteilen, durchlief er die juristische Ausbildung und seinen Berufseinstieg ohne Besonderheiten. Dabei waren seine Berufsaussichten nicht schlecht. Schließlich war er in seiner Heimatregion tätig – als »Urpfälzer« in der Pfalz. Schädlich war es auch nicht, evangelisch zu sein. Die Pfalz war damals mehrheitlich evangelisch, das übrige Bayern zwar ganz überwiegend katholisch, aber das schadete dem Fortkommen eines Protestanten nicht. Sie waren traditionell national orientiert und das passte schon in das Bild eines »modernen« Bayern mit einer effizienten, zentralistischen Beamtenschaft.

So im Beruf situiert, heiratete Frick Elisabetha Emilie Nagel (1890–1978), die Tochter eines Schuhgroßhändlers aus Pirmasens, und gründete eine Familie. Aus der Ehe – es sollte nicht die letzte sein – gingen drei Kinder hervor, zwei Söhne und eine Tochter.

Für den Militärdienst wurde Frick als untauglich gemustert. Er nahm auch nicht als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Das war in den Augen der Nationalsozialisten später an sich ein großes Manko, es sollte Frick persönlich aber nicht schaden......

(Nach Ablauf der 1-jährigen Wartefrist werden wir den kompletten Aufsatz auf dieser Seite zur Verfügung stellen)

 


 

 

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