Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Massenmord an „lebensunwertem Leben“

RZ-Artikel (von Joachim Hennig) vom 29. November 2001: Der Epileptiker Edmund Z. aus Koblenz

Unter dem beschönigenden Wort „Euthanasie“ (griech. „schöner Tod“) begingen die Nazis und ihre zahlreichen Helfer den Mord an über 200.000 Menschen. Weil sie behindert, alt, krank und sozial unangepasst waren, wurden diese Mitmenschen zu „unnützen Essern“, zu „Ballastexistenzen“, sie waren „lebensunwertes Leben“.

Die „Ausmerze“ - wie die Nazis das nannten - geschah in verschiedenen Phasen. Es begann 1934 mit der Zwangssterilisation psychisch Kranker. Im Zuge des II. Weltkrieges kam es zur systematischen Vergasung von mehr als 70.000 Kranken im Rahmen der Aktion „T4“ (benannt nach dem Sitz der Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin). Dazu beauftragte Hitler „Bevollmächtigte“ in einem privaten Schreiben mit einem einzigen Satz. Auf zahlreiche Proteste hin und weil die Aktion ihr vorgegebenes Ziel erreicht hatte, wurde sie im August 1941 gestoppt. In der Folgezeit, in der „zweiten Phase“, der sog. wilden Euthanasie, starben noch einmal mehr als 140.000 Menschen durch Gift oder durch gezieltes Verhungernlassen.

Das Reich war überzogen mit einem Netz von sechs Tötungsanstalten und zahlreichen „Zwischenanstalten“, in die die Kranken zur Tarnung und Organisation des Mordens zuvor „verlegt“ wurden.

Ein Opfer der Aktion T4 war der 1920 in Koblenz geborene Edmund Z. Seine Kindheit und Jugendzeit in Koblenz verliefen in geordneten Bahnen und „normal“. Edmund Z. besuchte die Volksschule, ohne sitzen zu bleiben, und absolvierte eine kaufmännische Lehre.

Dann trat er freiwillig in den Reichsarbeitsdienst ein. Nach vier Wochen bekam er seinen ersten Gehirnkrampf und wurde entlassen. Daraufhin bemühten sich seine Eltern um die Behandlung des Leidens. Zunächst wurde er in Koblenz fachärztlich betreut, später - als dies keine Besserung brachte - kam er in die Heil- und Pflegeanstalt Bonn. Auch dort besserte sich sein Zustand nicht. Die Krämpfe traten sogar häufiger auf, drei- bis fünfmal am Tag. Gleichwohl behielt er seinen Verstand und machte sich in der Anstalt durch vielerlei Arbeiten für Schwerkranke nützlich.

Im Mai 1940 passiert es dann: Edmund Z. gerät in die Aktion T4. Offenbar mit dem Transport vom 20. Mai 1941 wird er mit 25 Männern und 25 Frauen von Bonn in die Heil- und Pflegeanstalt Andernach „verlegt“. Anfang Juni schreibt er seiner Familie, sie hätten einen Ausflug nach Andernach gemacht, dort solle er bleiben. Daraufhin besucht ihn die besorgte Mutter in Andernach. Als drei Tage später seine Patin ihn ebenfalls besuchen will, ist er schon nicht mehr da. Der sofortige Anruf seiner Schwester bleibt ebenfalls erfolglos: Viermal wird sie von einer Stelle zur anderen weiter verbunden, dann hängt die Anstalt einfach ein. Am nächsten Tag ist sie in Andernach. Man verweigert jede Auskunft über den Verbleib des Bruders, gibt ihr aber die Adresse der Gesellschaft, die ihn abtransportiert hat. Auf ihren heftigen Protest hin bekunden die versammelten drei Herren der Anstalt ihre Unschuld an allem. In großer Sorge verlässt sie Andernach.

Tage später erhält die Familie aus Berlin Bescheid, Edmund sei nach Hadamar bei Limburg verlegt worden und sei in gutem Gesundheitszustand dort angekommen. Wegen ansteckender Krankheiten seien aber Besuche, Briefe und Pakete verboten. Wenige Tage später kommt die Nachricht: Tod am 3. Juli 1941 in Hadamar durch Pneumonie (Lungenentzüdung). Die Wahrheit ist aber eine andere: Edmund Z. wurde noch am Tag seiner Ankunft in Hadamar vergast.                                                                                            

 


 

Bereit zum Opfer: „Adsum“ (Ich bin hier/bereit)

RZ. - Artikel vom 28. November 2001: Die Lehrerin und Schönstätterin Charlotte Holubars aus Vallendar

Obwohl die Zentrumspartei dem „Ermächtigungsgesetz“ Hitlers im März 1933 zugestimmt und der Vatikan wenige Monate später mit Hitler-Deutschland ein Reichskonkordat abgeschlossen hatte, war auch die katholische Kirche Verfolgungen ausgesetzt. Opfer waren in diesem „Weltanschauungskampf“ der Nazis vor allem die Priester. Eine Sonderstellung bei dieser Verfolgung nahm die Schönstatt-Bewegung in Vallendar ein. Für die Gestapo war sie gefährlich: wegen der „anpassungsfähigen Organisationsform“,  des - wie die Gestapo meinte - „Totalitätsanspruchs“ und „Bewegungscharakters“ sowie des „ungemein stark ausgebildeten Sendungsbewusstseins“. Schon seit 1935 wurde „Schönstatt“ besonders beobachtet und kontrolliert. Im Zuge des II. Weltkrieges steigerten sich die Schikanen zu offener Repression. 1940 kam es zu den ersten Festnahmen,Verschleppungen in KZs folgten. Betroffen waren neben den Patres auch Schönstätter Frauen: Hedwig Birnbach, die in Niederselters geborene Maria Hilfrich und Charlotte Holubars.

Lotte Holubars wurde 1883 in Schlesien geboren. Ihre Mutter starb sehr früh.  Dem Wunsch ihres Vaters, der Gymnasiallehrer war, folgend wurde sie ebenfalls Lehrerin. Zunächst war sie in Schlesien tätig, später, nachdem ihr Vater nach (Gelsenkirchen-)Buer versetzt worden war, kam sie an die Volksschule in Heusweiler bei Saarbrücken. Alsbald versuchte sie, in einen Missionsorden einzutreten, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen nicht angenommen. So blieb sie in Heusweiler. Sie war tief religiös und gütig, wie ein Kaplan feststellte: „Die Liebe war ihr Gewicht. Ich war glücklich, in der Klasse dieser Frau Religionsunterricht geben zu dürfen. Etwas Paradiesisches tat sich vor mir auf. Sogar die schwerfälligen Kinder waren aufgelockert durch die Macht ihrer Güte, die hier wirkte. Ich spürte den Frieden Gottes.“ Bei einem Besuch in Schlesien begegnet sie dem Gründer Schönstatts, P. Joseph Kentenich. Dann schließt sie sich immer mehr Schönstatt an. Sie legt 1929 die Ewig-Weihe ab, gründet Jugendgruppen und steht Müttern und Familien in Erziehungsfragen bei. Zu Beginn der Nazizeit glaubt sie noch, im NS-Frauenbund und NS-Lehrerbund für ihre Ideale arbeiten zu können. Sie wird bald eines Besseren belehrt und beantragt 1937 aufgrund von Differenzen ihre Pensionierung wegen Dienstunfähigkeit.

Nach Vallendar umgezogen widmet sie sich dem Aufbau des jungen Säkularinstituts der Frauen von Schönstatt. Während die Gefahr für Schönstatt weiter wächst, stellt sie sich 1939 mit anderen ganz in den Dienst der Mutter Gottes: „Wir fühlen uns schwach, aber wir sind bereit! Bereit auch dann, wenn wir die Führung Gottes nicht mehr verstehen... Sei gegrüßt, o Königin, die wir bereit sind, auch das Leben herzugeben. Wir grüßen dich!“

Als sie im Herbst 1942 von einer ihrer vielen Reisen nach Vallendar zurückkehrt, hat die Gestapo ihre Wohnung durchsucht und Abschriften von Briefen P. Kentenichs aus dem KZ Dachau gefunden. Daraufhin wird sie im Koblenzer Karmelitergefängnis inhaftiert. Im anschließenden Prozess lautet das Urteil auf drei Jahre Gefängnis. Die Strafe verbüßt sie aber nicht, sondern wird von Koblenz aus ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Die Verhältnisse dort zehren sehr an ihr. Nach Zeitzeugenberichten bleibt sie aber in ihrer christlichen Haltung ungebrochen. Am 9. November 1944 stirbt Charlotte Holubars in Ravensbrück.
                                                                                             


 

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