Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Ein Hinweis: Im Jahre 2004 gab es diese Webseite noch nicht. Um die Informationen seit der Vereinsgründung aber vollständig zu übermitteln wählen wir hier die Berichtsform.

 

Nachdem zum 27. Januar 2003 Frauen als Opfer des Nationalsozialismus im Mittelpunkt des Erinnerns waren, stellte unser Förderverein zum Gedenktag im Jahr 2004 vor allem das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in den Fokus. Dazu präsentierte er die Wanderausstellung von Martin Guse: „’Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben.’ Eine Ausstellung zu den Jugend-Konzentrationslagern Moringen und Uckermark 1940 - 1945“ Auch zu dieser Ausstellung erarbeitete Joachim Hennig wiederum einen regionalen Teil mit insgesamt 14 Biografien von Kindern und Jugendlichen sowie Jugendführern, die in der NS-Zeit Verfolgung erlitten.

Die Biografien der Koblenzer Kinder, Jugendlichen und Jugendführern wurden zu Beginn der Gedenkveranstaltungen von Schülerinnen und Schülern der Diesterweg-Schule mit einer Rose am Mahnmal angebracht. Nach dieser Statio begaben sich die Teilnehmer zur Gedenkstunde mit christlich-jüdischem Gebet in der Christuskirche. Anschließend wurde die Ausstellung im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium eröffnet.

Das Programmblatt HIER lesen

Den Rhein-Zeitungs-Artikel vom 28. Januar 2004 HIER lesen

Das Faltblatt zur Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ HIER lesen

Den Rhein-Zeitungs-Artikel vom 27. Januar 2004 HIER lesen

Fotos von der Ausstellungseröffnung im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium

 

 

 

 

Im Beiprogramm führte Joachim Hennig Gespräche mit zwei Zeitzeugen aus Koblenz. So berichtete der Koblenzer Sinto Daweli Reinhardt über seine Verfolgung und die seiner Angehörigen bis hin zur Deportation in das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau und sein Leben danach - als Artist, Musiker und als Oberhaupt einer großen Familie. Einen sehr tiefen Einblick in die Verhältnisse zur NS-Zeit in Koblenz gab in einem zweiten Zeitzeugengespräch Werner Appel. Der im Jahr 1928 in Koblenz geborene Appel, Sohn eines Juden und einer Katholikin, war schon damals der letzte Augenzeuge der Verfolgung der Juden in Koblenz.

 

In einem weiteren Zeitzeugenbericht las Horst Schmidt, ein Zeuge Jehovas und zum Tode verurteilter Eides- und Kriegsdienstverweigerer, aus seinem autobiografischen Buch „Der Tod kam immer montags“. Schließlich zeigte unser Förderverein noch den DEFA-Film „Nackt unter Wölfen“, der die Rettung eines jüdischen Kindes im KZ Buchenwald erzählt.

Das Blättchen mit dem Programm HIER lesen

Für das Engagement der Schule und der Schülerinnen und Schüler des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums bei den Veranstaltungen bedankte sich Daweli Reinhardt und unser Förderverein mit 30 Exemplaren der Daweli-Reinhardt-Biografie.

Hier den Artikel der Rhein-Zeitung von 13.05.2004 lesen

Ende März waren Daweli Reinhardt und Joachim Hennig zu einem weiteren Zeitzeugengespräch im Haus der Jugend in Montabaur. Mit dabei waren auch Dawelis Sohn Django und Dawelis Enkel, die die Zuschauer mit Dawelis Musik und dem Sinti-Swing erfreuten.

HIER den Zeitungsartikel aus der Westerwälder Zeitung vom 15. März 2004 lesen.

Fotos von der Veranstaltung:

 

 

 

Im Juni zeigte unser Förderverein Teile seiner Dauerausstellung, die inzwischen 33 Personentafeln umfasste, im Rahmen eines dreitägigen Seminars der Fridtjof-Nansen-Akademie in Ingelheim. Bei dieser Veranstaltung zum Thema „Der deutsche Widerstand gegen das NS-Regime“ erarbeitete Joachim Hennig weitere Biografien von Widerständlern aus Koblenz und Umgebung und präsentierte die Personentafeln dazu mit einem Vortrag zum Thema „Widerstand im Koblenzer Raum“.

HIER den Vortrag lesen

Für Joachim Hennig und seine Frau war die Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen der Bundesregierung in Berlin im Juli 2004 aus Anlass der 60. Wiederkehr des gescheiterten Attentats auf Hitler und des Umsturzversuchs am 20. Juli 1944 ein ganz besonderes Erlebnis. Auf Einladung des Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen e.V. (ZdWV) besuchten sie am 19. und 20. Juli 2004 die Gedenkveranstaltungen.

Diese begannen mit der Eröffnung der Sonderausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Stauffenbergstraße 13 – 14, 10785 Berlin) „20. Juli 1944 – Vermächtnis und Erinnerung“. Es setzte sich am Abend dann fort mit den Vortrag von Freya Gräfin von Moltke – Einführung durch Prof. Dr. Peter Steinbach -: „Widerstand und Erinnerung“ in der St. Matthäus-Kirche in Berlin-Mitte. Den Höhepunkt des 1. Tages war der Empfang beim Bundespräsidenten Horst Köhler im Schloss Charlottenburg (der Amtssitz des Bundespräsidenten Schloss Bellevue stand nicht zur Verfügung, weil es umgebaut wurde).



 

Die Veranstaltungen am 20. Juli 2004 begannen mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee. Als Gedenkveranstaltungen der Bundesregierung folgte dann die Feierstunde im Ehrenhof des Bendlerblocks mit der Begrüßung durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit, der Ansprache von Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Kranzniederlegung durch den Bundespräsidenten Horst Köhler.

HIER die Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder lesen

Der Bendlerblock in der heutigen Stauffenbergstraße in Berlin-Mitte ist ein besonderer Gedenkort. Dort wurden unmittelbar nach dem fehlgeschlagenen Umsturzversuch Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg und drei Mitverschwörer standrechtlich erschossen. Das von Richard Scheibe geschaffene Denkmal im Ehrenhof wurde am 20. Juli 1953 durch den damaligen regierenden Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter enthüllt. Die ständige Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße soll das Andenken der Frauen und Männer des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wach halten und die notwendige Auseinandersetzung der Deutschen mit diesem Teil ihrer Geschichte fördern.



 

Um 16.00 Uhr fand die Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Plötzensee statt. Damit erinnerte die Bundesregierung an die Opfer des Nationalsozialismus. Die einleitenden Gedenkworte sprach Bundestagspräsidentin a.D. und Vorsitzende des Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen e.V. Annemarie Renger. Daran schloss sich das Totengedenken von Dieter Thomas von der Stiftung 20. Juli 1944 an. Danach legten Repräsentanten der Verfassungsorgane des Bundes und des Landes Berlin sowie der Stiftung 20. Juli 1944 und des Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen e.V. Kränze nieder. Die Veranstaltung endete mit dem Gang in den Hinrichtungsraum und stillem Gedenken.

HIER den Redebeitrag von Annemarie Renger lesen

HIER das Totengedenken von Dieter Thomas lesen

 

 

 

Die Gedenkstätte Plötzensee diente von 1933 bis 1945 als Strafgefängnis und Hinrichtungsstätte des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. An diesem Ort wurden mehr als 2.500 Menschen hingerichtet, unter ihnen zahlreiche Gegner der Diktatur.

Der 20. Juli schloss mit einer von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) e.V. in der Humboldt-Universität organisierten Diskussion „Gesichter des Widerstandes“ sowie einem Feierlichen Gelöbnis im Bendlerblock mit Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Festrede des niederländischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende.

HIER das Faltblatt „Gesichter des Widerstandes“ lesen

Bei diesen Veranstaltungen in Berlin lernte Joachim Hennig auch den niederländischen Zeitzeugen Johan F. Beckman kennen.

 

mit Johan Beckman im Bus

Beckman war nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Niederlande ein Widerständler gegen die deutschen Besatzer. Deswegen wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. Er überlebte die Haft und schrieb später seine Autobiografie „Odyssee 1940 – 1945“. Einige Jahre zuvor hatte sie Beckman auf Niederländisch veröffentlicht. Nun überließ er sie Hennig, auch um sie ggf. ins Deutsche übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. Hierzu überließ Johan Beckman Joachim Hennig auch noch einige Fotos aus den verschiedenen Stationen seines Lebens.


 

Dies ist dann auch einige Zeit später geschehen. Der Schatzmeister unseres Vereins, Alexander Wolff, der seit vielen Jahren sehr gut Holländisch spricht, hat Johan Beckmans Autobiografie ins Deutsche übersetzt. Das niederländische Original und die deutsche Übersetzung werden hier präsentiert.

Johan F. Beckman: Odyssee 1940 – 1945 (deutsche Übersetzung) folgt

Johan F. Beckman: Odyssee 1940 – 1945 (das niederländische Original) folgt

Für Joachim Hennig waren dann noch andere und weniger bekannte Jahrestage und Ereignisse Anlass für eigene Arbeiten. So erinnerte er mit seinem Aufsatz „Vor 70 Jahren: Hochverrat in Neuwied?“ im Heimat-Jahrbuch des Landkreises Neuwied 2004 an die Machtübernahme der Nazis 1933 und die anschließende Verfolgung der Kommunisten und die Initiierung von Massenprozesse gegen sie, wie den Prozess gegen 28 Angeklagte aus Neuwied und Umgebung, der vor dem Oberlandesgericht Kassel stattfand, das im Landgericht in Neuwied tagte.

Aufsatz aus dem Heimat-Jahrbuch des Landkreises Neuwied 2004 HIER lesen

Des Weiteren schrieb Joachim Hennig für die Beilage zur Rhein-Zeitung „Heimat zwischen Hunsrück und Eifel“ einen zweiteiligen Aufsatz über die Verfolgung der Zwangsarbeiter. Unter dem Titel „Die Morde vor der Haustür“ dokumentierte er dabei u.a. eine Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters wegen angeblichen sexuellen Kontakts mit einer Deutschen, bei der er zwangsweise arbeiten musste.

HIER den zweiteiligen Aufsatz lesen

Schließlich veröffentlichte Joachim Hennig aus Anlass des 50. Todestages von Friedrich Erxleben (im Februar 2005) im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 2004 den Aufsatz: „Widerständiges verhalten aus christlichem Glauben – Friedrich Erxleben (1883 – 1955) zum 50. Todestag“.

Aufsatz folgt

Anlässlich des „Heimatbesuchs“ von ehemaligen jüdischen Bürgern von Koblenz und Vallendar in ihrer früheren Heimat an Rhein und Mosel hatte Joachim Hennig noch Gelegenheit, vier von ihnen näher kennen zu lernen. Es konnten Interviews mit ihnen arrangiert werden, die unser Filmer Herbert Bartas aufgezeichnet hat. Diese Aufnahmen sind zwar immer noch nicht zu einer Dokumentation bearbeitet, sie sind aber sehr interessant und sollen und werden später Grundlage für einen Dokumentarfilm sein.

----- Herbert, kannst Du von den Aufnahmen vielleicht ein paar Bilder hier einbringen? Das wäre sehr schön. ------

Wie es schon Tradition geworden war, hielt Hennig bei der Volkshochschule Koblenz auch wieder drei Vorträge zum Generalthema „Verfolgung und Widerstand 1933 – 1945“. Mit Blick darauf, dass sich 2004 zum 60. Mal der Attentats- und Umsturzversuch jährte, porträtierte er drei Widerständler aus Koblenz und Umgebung – Maria Terwiel, Adolf Reichwein und Friedrich Erxleben.

Einen Vortrag über Maria Terwiel HIER lesen

Den Vortrag über Adolf Reichwein HIER lesen

Den Vortrag über Friedrich Erxleben HIER lesen

 


 

Der 27. Januar 2004

Am 27. Januar 2004 zeigte der Förderverein die Wanderausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“. Diese von Martin Guse konzipierte Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema „Jugend im Nationalsozialismus“, schildert die Entstehung und Geschichte des Jugendkonzentrationslagers Moringen und zeichnet Lebensläufe von Jungen in diesen Jugend-KZ nach. Ergänzend dazu erarbeitete der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Joachim Hennig eine Koblenzer Ergänzung. In ihr präsentierte er 14 Lebensbilder von Kindern, Jugendlichen und Jugendführern aus Koblenz und Umgebung, die in der NS-Zeit Verfolgung erlitten. Zur Eröffnung der Ausstellung im Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums in Koblenz hielt Joachim Hennig die nachfolgend dokumentierte Rede:

 

Einführung in die Ausstellung
„Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“
und ihre Koblenzer Ergänzung
am 27. Januar 2004
von Joachim Hennig

Sehr geehrte Damen und Herren!
Nach der „Statio“ am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz und nach dem Gedenkgottesdienst in der Christuskirche kommen wir zum dritten Teil der heutigen Veranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, der Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ und ihrer Koblenzer Ergänzung.
Der Titel der Ausstellung macht schon deutlich, was den Besucher erwartet und was er erwarten darf: Schicksale von jungen Menschen, von Kindern und Jugendlichen, denen der Nationalsozialismus ihre Lebensfreude und ihre Lebensperspektive und im Extremfall ihr Leben selbst zerstört hat – und das, obwohl sie noch gar nicht angefangen hatten zu leben. Und dabei fing bei den Nazis und im Nationalsozialismus alles so positiv und bedeutsam für die damalige Jugend an. „Macht Platz ihr Alten!“ lautete 1927 die zündende Devise von Gregor Strasser, dem Reichsorganisationsleiter der NSDAP. Die Nazis waren die Partei „der Jungen“. Fortan sollte Jugend von Jugend geführt werden. Die Bedeutung der jungen Generation wurde aufgewertet – durch Uniformen und Aufmärsche, spektakuläre Wettkämpfe und öffentliche Auszeichnungen. – Aber schon ideologisch wurde diese Jugend ausgenutzt – als Partei- und Staatsjugend nach dem Gesetz über die Hitler-Jugend von 1936 als „Soldaten einer Idee“. Man beraubte sie aller Freiräume und autonomen Gestaltungsmöglichkeiten. Zugleich setzte man sie im NS-Spitzel- und Überwachungssystem infam ein: Ältere, auch Eltern und Lehrer, liefen Gefahr, wegen regimekritischer Äußerungen von regimetreuen Jüngeren denunziert zu werden. Das Generationsverhältnis als Abhängigkeit und Kontrolle hatte sich umgekehrt. Hitler selbst hat es propagandistisch einmal so umschrieben: „Wir Alten sind verbraucht... Aber meine herrliche Jugend! Gibt es eine schönere auf der ganzen Welt? Sehen Sie sich diese jungen Männer und Knaben an! Welch Material. Daraus kann ich eine neue Welt formen. Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden... Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“
Ein derartiges System musste gewachsene jugendeigene Gruppen, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen bzw. sich von ihm nicht vereinnahmen ließen, bekämpfen, gleich- und ausschalten. Zudem brachte ein solches System jugendeigenen Widerstand und jugendeigene Resistenz hervor. Dies waren Gruppen und später auch nur noch einzelne aus dem bündischen, dem christlichen und dem Arbeiter-Milieu. Am bekanntesten sind aus der Zeit des Krieges – zu einem Zeitpunkt, in dem diese überkommenen Gruppen längst zerschlagen oder gleichgeschaltet waren – bestimmte informelle Gruppen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die „Weiße Rose“ in München und Hamburg und die „Edelweißpiraten“ im Ruhrgebiet und im Rheinland sowie die „Swing-Jugend“ vor allem in Hamburg.
Folgerichtig sah und suchte das NS-Regime in Jugendorganisationen und seinen Mitgliedern seine Gegner. Dabei galt sein Augenmerk zunächst den Jugendorganisationen, die man aus- und gleichschaltete und deren Anführer man oft kriminalisierte. Später, als es nur noch informelle Gruppen und einzelne Jugendliche gab, suchte das NS-Regime je länger je mehr seine Gegner auch in den einzelnen Jugendlichen. Sie wurden in vielfältiger Weise kriminalisiert und verfolgt. Man überzog sie mit Festnahmen, Verhören, „Schutz“- und Untersuchungshaft, verurteilte sie wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen und verschleppte sie in Konzentrationslager, allein Tausende junger Menschen in speziell für sie eingerichtete Jugendkonzentrationslager in Moringen und Uckermark.
Darüber hinaus wurden Kinder und Jugendliche Opfer des Nationalsozialismus, weil sie das Schicksal ihrer Eltern teilten, weil sie – wie ihre Eltern – anders waren und die Nazis dieses Anderssein auch an den Kindern nicht duldeten. So verfolgten sie jüdische Kinder und Jugendliche, jugendliche Sinti, tatsächlich oder vermeintliche psychisch Kranke, Personen, die aufgrund der NS-Rassenhygiene als „asozial“ galten und andere mehr.
Erfahrbar wird das unendliche Leid der verfolgten Kinder und Jugendlichen näherungsweise für uns heute allenfalls anhand von Lebensbeschreibungen, von Biografien verfolgter Kinder und Jugendlicher. Dieser Aufgabe hat sich die von Martin Guse erarbeitete Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ angenommen. Sie enthält als „Herzstück“ Biografien verfolgter Jugendlicher. Dabei ist ihnen allen eigen, dass sie eine besonders harte Verfolgung erlitten haben. Denn sie waren in jungen Jahren Häftlinge der Jugendschutzlager Moringen und Uckermark. Diese Jugend-KZ sind gewissermaßen ein Brennglas, in dem die Ausstellung von Martin Guse die Thematik „Verfolgte Jugend im Nationalsozialismus“ mit weiteren Facetten darstellt.
Die Ausstellung beginnt mit einem Überblick über die Jugend im Nationalsozialismus, damit, wie der Nationalsozialismus die Vielfalt jugendlicher Lebensformen und Organisationen zerstörte und damit, wie er junge Menschen führte und verführte, um in ihnen – wie es damals hieß – „Menschenmaterial“ für seinen Rassenwahn und seine Kriegstreiberei zu haben.
Daran schließt sich die Geschichte der Jugend-Konzentrationslager an. Einen breiten Raum nehmen dann die Biografien von Inhaftierten ein sowie der Versuch, den Alltag – die Bedingungen des Lebens und Überlebens – in den Jugend-KZ zu beschreiben. Der letzte Teil der Ausstellung dokumentiert die jahrzehntelange Missachtung und Verdrängung dieses Teils unserer gemeinsamen Geschichte. Alles in allem gehören zu der Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ 32 Tafeln, die hier in diesen Holzrahmen angebracht sind.
Zu dieser Ausstellung gehört ein Katalog. Er ist gewissermaßen die Ausstellung im kleinen, mit ihm kann man das hier Gesehene nach Hause zu tragen. Denn er dokumentiert die Ausstellung in ihrer Gesamtheit. Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Hör-CD sowie Videofilme.
Diese Wanderausstellung war für mich Anstoß, über verfolgte Kinder und Jugendliche aus Koblenz und Umgebung einen regionalen Teil zu erarbeiten. Das Projekt wurde finanziell unterstützt durch die Landeszentrale für politische Bildung; realisiert wurden die Tafeln wie auch die sie ergänzenden Lesemappen von der Firma Copy Print Service (CPS) in Koblenz, Stegemannstraße Diesen und anderen ungenannt gebliebenen Personen und Institutionen danke ich namens des Fördervereins für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz sehr herzlich.
Ich habe 14 Lebensbilder von Kindern und Jugendlichen aus Koblenz und Umgebung erstellt. Der Anlass für die Nazis, sie zu verfolgen, war vielfältig: Teils war es ihre politische Gesinnung oder ihr christlicher Glaube, teils ihre andere „Rasse“, manchmal ihre Nonkonformität, ihr widerständisches Verhalten, ihre Arbeitsverweigerung oder ganz generell ihr Anderssein.
Biografiert werden die bereits bei der „Statio“ am Mahnmal genannten Kinder, Jugendlichen und Jugendführer. Um diese jungen Menschen – oft nach Jahrzehnten des Verdrängens und Verschweigens – in die Erinnerung zu rufen, seien sie hier noch einmal genannt. Dabei freue ich mich, dass einige dieser Opfer und ihre Familienangehörigen unter uns weilen. Ihnen allen gilt ein ganz spezielles „herzlich Willkommen“. Diese 14 Personen sind:
Daweli Reinhardt, ein Sinto, der als 11-Jähriger mit seiner Familie im Jahre 1943 von Koblenz aus ins „Zigeunerlager“ des KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.
Michael Böhmer, geb. Reinhardt, ein entfernterer Verwandter von Daweli Reinhardt, der als 10-Jähriger im Mai 1940 mit seiner Familie von Koblenz aus in das damals von Deutschland besetzte Polen (Generalgouvernement) verschleppt wurde und dort jahrelang schwere Zwangsarbeit leisten musste.
Hannelore Hermann. Das jüngste Kind jüdischer Eltern aus Koblenz verlebte hier schöne und unbeschwerte Jahre, bis der Rassenwahn der Nazis Diskriminierung, Elend, Verfolgung und Tod für sie und die Familie brachte. Sie wurde im März 1942 in den Osten deportiert und später aller Wahrscheinlichkeit nach im Vernichtungslager Sobibor vergast.
Willy und Horst Strauß. Die beiden 1929 und 1931 in Bad Ems geborenen Jungen waren so genannte „Halbjuden“. Durch die damaligen Umstände kamen sie in Fürsorgeerziehung in die Anstalt Kalmenhof bei Idstein. Im Rahmen einer größeren Aktion gegen „halbjüdische“ Kinder wurden sie in die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg verschleppt. Im September 1943, innerhalb von Wochen, werden sie infolge schlechter Behandlung und aller Voraussicht infolge Spritzen ermordet.
Alois G. Der 1923 in Koblenz geborene Junge lebte als psychisch Kranker seit einiger Zeit in der Anstalt Scheuern bei Nassau/Lahn. Mit 17 Jahren wurde er wegen seiner Krankheit als nicht dienstfähig gemustert. Daraufhin geriet er schnell in die Tötungsmaschinerie der so genannten T-4-Aktion. Von Scheuern aus wurde er in die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg verbracht und dort noch am selben Tag mit Gas ermordet.
Willi Lohner, Hans-Clemens Weiler und die Michaeltruppe. Willi Lohner und Hans-Clemens Weiler gründeten Ende 1942 eine große Gruppe mit Jugendlichen aus Kruft und Umgebung. Sie nennen sich „Michaeltruppe“ und spionierten beispielsweise auf dem Niedermendiger Flughafen. Von der Gestapo entdeckt, wurden sie in „Schutzhaft“ genommen und kamen u.a. auch auf die Burg Stahleck bei Bacharach. Von dort brachte man sie ins Jugend-KZ Moringen.
Hans Blumensatt und die „Wilde Clique“. Der im Jahre 1922 geborene Hans Blumensatt aus Lahnstein war Oberschüler – mit mäßigem Erfolg. Auch in der Hitler-Jugend machte er nicht richtig mit. Der ganze Drill war ihm zuwider. Viel lieber hörte er ausländische Musik, die verbotene „Negermusik“. Mit vier Gleichaltrigen machte er im Winter 1940 nachts Oberlahnstein mit Sachbeschädigungen an Einrichtungen der Nazis unsicher. Die „Wilde Clique“ wurde entdeckt, Hans Blumensatt zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Edgar Lohner. Der 1919 in Andernach geborene Edgar Lohner war ebenfalls Oberschüler. Mit Gleichgesinnten ging er nach Art der Bündischen Jugend auf Fahrt. Dabei lernte er in Frankreich den emigrierten Jugendführer K.O. Paetel und auch ein jüdisches Mädchen kennen. Mit ihr freundete er sich an. Bald nach dem Abitur wurde er verhaftet. In Prozessen in Koblenz und vor dem Volksgerichtshof in Berlin wurde er u.a. wegen Hochverrats zu mehrjähriger Haft verurteilt. Aus dem Zuchthaus wurde er dem Bewährungsbataillon 999 überstellt.
Hans Renner (geb. 1912) ist ein echter Koblenzer „Schängel“ und „Erzkastorianer“. Er war in der katholischen Jugendbewegung und Führer der Koblenzer „Sturmschar“. 1935 machte er seine Neigung zum Beruf und wurde Diözesanwart der „Sturmschar“ in Trier und kam bald in mehrmonatige Gestapohaft. Er arbeitete als Jugendführer weiter, bis Ende 1937 die katholische Jugend in Trier verboten wurde.
Alfons Brands. Ebenfalls ein „Schängel“ war der 1902 in Koblenz geborene Alfons Brands. Nach seiner Priesterweihe war er Kaplan, später „Reichskaplan“ der „Sturmschar“. Im Zuge eines spektakulären Strafprozesses gegen junge Katholiken und Kommunisten wurde er öfter festgenommen, verhört und dann wieder freigelassen. Er erhielt Redeverbot und wurde mit einem Strafprozess wegen „Heimtücke“ überzogen, kam aber aufgrund einer Amnestie frei. Daraufhin wurde er Seelsorger in Neuwied und gründete dort während des Krieges illegale Jugendgruppen, die „Alfons-Brands-Jugend“
Robert Oelbermann. Robert und sein Zwillingsbruder Karl (beide 1896 in Bonn-Lennep geboren) gründeten den Nerother Wandervogel. Sie und ihre Bewegung waren ein wichtiger Bestandteil der „Bündischen Jugend“. Geradezu berühmt wurden sie durch ihre Großfahrten, ihr Stammsitz war und ist die Burg Waldeck im Baybachtal im Hunsrück. Nach 1933 wurden sie gezwungen, den Bund aufzulösen und sich der Hitler-Jugend anzuschließen. Gegen Robert Oelbermann inszenierten die Nazis einen Strafprozess wegen angeblicher Homosexualität. Nach Verbüßung der 18-monatigen Haft wurde Robert ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Später starb er im KZ Dachau.
Warwara T. Die 1920 in der Nähe von Charkow in der Ukraine geborene Warwara T, steht für hunderte von jungen polnischen, russischen und ukrainischen Frauen und Mädchen, die als (Zwangs-)Arbeiterinnen hier arbeiten mussten und deren Leibesfrucht abgetrieben wurde, wenn sie schwanger waren. Hitler-Deutschland wollte nur ihre Arbeitskraft ausbeuten, kümmerte sich sehr mangelhaft um sie und duldete es nicht, dass sie ein Kind austrugen. Allein Hunderte von Abtreibungen wurden im Städtischen Krankenhaus Kemperhof in Koblenz ausgeführt. So auch die von Warwara T.
Maria K. war keine gute Schülerin. Als sie aus der Schule entlassen wurde, stellte das Gesundheitsamt gleich beim Erbgesundheitsgericht in Koblenz einen Antrag auf zwangsweise Sterilisation wegen angeborenen Schwachsinns. Da sie auf ihrer Arbeitsstelle zu recht kam, wurde das Verfahren zunächst nicht weiter betrieben. Jahre später behauptete das Gesundheitsamt, sie sei eine Infektionsquelle für Geschlechtskrankheiten, weil sie offenbar wechselnden Geschlechtsverkehr pflege. Daraufhin wurde ihre Zwangssterilisation beschlossen. Inzwischen befand sie sich wegen „Arbeitsverweigerung“ in „Schutzhaft“, zunächst hier Koblenz, später im Frauen-KZ Ravensbrück. Weil sie schwanger war, wurde ihre Leibesfrucht im KZ abgetrieben, zur Zwangssterilisation brachte man sie aus dem KZ hier nach Koblenz. Nach dem Eingriff musste sie zurück ins KZ.
Gertrud Roos. Gertrud Roos ist eine Bendorferin, sie ist dort geboren, hat dort die allermeiste Zeit ihres Lebens gewohnt und lebt auch heute im Alter von 79 Jahren in Bendorf. Ein drei Viertel Jahr ihres Lebens war sie nicht in Bendorf. Im September 1944 wurde sie als 19-Jährige von einer Freundin denunziert, weil sie ausländische Nachrichtensender gehört hat. Gertrud Roos kam in „Schutzhaft“, erst im Gefängnis in Bendorf, dann in Koblenz; bei den „Vereinigten Weingutsbesitzern“ hier in der Hohenzollernstraße musste sie zwangsweise im Keller arbeiten. Im November 1944 kam sie von Koblenz aus „auf Transport“ ins Frauen-KZ Ravensbrück. Dort musste sie in einem Rüstungsbetrieb Munition herstellen, bis sie von der Roten Armee befreit wurde. Nach Bendorf zurückgekehrt, wollte keiner von ihrem Schicksal mehr etwas wissen.
Das Schicksal dieser Kinder, Jugendlichen und Jugendführer können wir nicht ungeschehen machen. Umso wichtiger ist, dass wir alle - alt und jung, jung und alt - für die Gegenwart und Zukunft die richtigen Schlüsse ziehen. Lassen wir es nie dazu kommen, dass Menschen aus diesen Gründen und in dieser Form ausgegrenzt werden. Seien wir hellhörig und treten wir bereits den ersten Anfängen von Unfreiheit, Rechtsbruch und Menschenverachtung entschieden entgegen. Setzen wir uns für die alltägliche Menschlichkeit und die Verteidigung ziviler Tugenden ein. In unserer Demokratie geht es nicht – wie damals - um Widerstand, sondern „nur“ um – partiellen - Widerspruch. Mögen wir die Kraft zu solchem Widerspruch haben und möge diese Ausstellung dazu einen Beitrag leisten.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit.

 


 

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