Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Lustig war das Zigeunerleben nie
Joachim Hennig stellte sein Erinnerungsbuch über Daweli Reinhardt in Lehnitz vor
ROTRAUD WIELAND

LEHNITZ. "Was für eine Veranstaltung!", zeigte sich am Samstagnachmittag Cornelia Berndt, die Leiterin der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte, beeindruckt. Nicht nur, dass die Buchvorstellung fast drei Stunden beanspruchte, sondern dass sie aus einer Geschichtsstunde, einer Lesung und einer Filmvorführung bestand. Und damit die etwa fünfzehn Besucher dieser Mammutstrecke gewachsen waren, gab es eine Pause, in der Kaffee und. kalte Getränke bereitstanden. Außergewöhnlich war auch der Referent des Nachmittags, der zusammen mit seiner Frau aus Koblenz angereist war.
Als Richter am Oberverwaltungsgericht stellte sich Joachim Hennig vor und als jemand, der sich als stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus Koblenz" dafür einsetzt, dass die Schrecken dieser Zeit nicht vergessen werden. So entstand die Dauerausstellung " Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung", in der fünfzig Einzelschicksale dokumentiert werden und in der auch der in Neuwied, geborene Friedrich Wolf aufgenommen werden sollte.
Also rief Joachim Hennig vor etwa einem Jahr in der Lehnitzer Friedrich-Wolf-Gedenkstätte an und bat Cornelia Berndt um entsprechendes Material. Sie wiederum erfuhr in diesem Zusammenhang von dem Erinnerungsbuch "Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben", das Joachim Hennig aus Gesprächen mit der Titelfigur verfasst und zu einem beeindruckenden Ausschnitt jüngster deutscher Geschichte aufgearbeitet hat.
Daweli Reinhardt, der heute 74 Jahre alt und nicht mehr gesund ist, stammt aus einer weit verzweigten Musiker-Familie. Eine nahe Verwandtschaft zu dem legendären Ausnahmegitarristen Django Reinhardt, so erzählt Daweli in dem Buch, sei ebenso wenig feststellbar wie zu Schnuckenack Reinhardt, in dessen bekanntem Swing-Quartett er jahrelang die Sologitarre spielte.
Denn der Name "Reinhardt" wäre sehr verbreitet unter den Sinti. Und damit ist das Stichwort gefallen, das zum Schicksal von Daweli Reinhardt wurde.
Als Zehnjährigen deportierte man ihn 1943 zusammen mit 148 Koblenzer Sinti nach Auschwitz-Birkenau, da das Leben von "Zigeunern" unter den Nazis ebenso wie das der Juden und anderer Gruppen als unwert galt.
Vor diesem Hintergrund schilderte Joachim Hennig zunächst die Geschichte der Sinti und Roma, die er bis 1407 zurückverfolgte, als sie das erste Mal, vermutlich aus Indien kommend, in der Nähe von Hildesheim auftauchten. Das Leben der Zigeuner sei stets von Verfolgungen geprägt gewesen, die unter dem NS-Regime ihren Höhepunkt erreichten. Der junge Daweli Reinhardt mit der eintätowierten, noch heute lesbaren Häftlingsnummer "Z 2252", überlebte die Schrecken von Ravensbrück, von Sachsenhausen und die des Todesmarsches. Nach Koblenz zurückgekehrt, sind es seine Gitarre und die Musik, die ihm seine Lebensfreude zurückgeben. Schon 1953 mit einer Reinhardt Combo oder in den sechziger Jahren mit einem Reinhardt Trio machte er Tanzmusik, aber mit dem 1967 gegründeten Schnuckenack-Reinhardt-Quintett erlebte er seine größten Erfolge. Und das, obwohl er, wie seine Brüder und später seine Söhne sowie Enkel nie eine Ausbildung, sondern ganz einfach Musik im Blut hat.
Presseartikel von Neue Oranienburger Zeitung und Märkische Allgemeine jeweils vom 24. Juli 2006


Im März und im April 2006 hatte das Haus der Jugend Montabaur (Gelbachstraße 9, 56410 Montabaur) einen Themenschwerpunkt zu Opfern des Nationalsozialismus.
Dargestellt wurden Biografien aus der Region des Unterwesterwaldes. Die dreiteilige Reihe begann am Dienstag, den 14. März 2006, mit einem Vortrag von Rolf Knieper, Koblenz, zum Thema: "Alfons und Alfred Knieper - Kommunistischer Widerstand im Kannenbäckerland". Der Enkel des im Jahre 1902 in Höhr-Grenzhausen geborenen Alfons Knieper porträtierte dabei seinen Großvater, der schon in jungen Jahren aus den Erfahrungen seiner Arbeitswelt Kommunist geworden und in der NS-Zeit schwersten Verfolgungen ausgesetzt war. So musste er nicht nur eine längere Gefängnisstrafe verbüßen, sondern war auch wiederholt in "Schutzhaft". Allein von September 1939 bis zur Befreiung am 11. April 1945 hatten die Nazis ihn im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Zur gleichen Zeit war auch Alfons Bruder Alfred "Schutzhäftling" im KZ Buchenwald. Nach der Befreiung engagierte sich Alfred Knieper wieder für die KPD und für die Verfolgten des Naziregimes (im VVN). Er wurde Regierungsvizepräsident von Montabaur. Als er vor die Wahl gestellt wurde, aus dem öffentlichen Dienst entlassen zu werden oder seine Tätigkeit und seine Mitgliedschaft bei der KPD aufzugeben, entschied er sich für letzteres.
Der zweite Abend am Dienstag, dem 28. März 2006, stand im Zeichen Heinrich Roths. Im Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz e.V. Joachim Hennig erzählte der Schwiegersohn Heinrich Roths, Herr Tiziani, aus dem Leben dieses früher weit über Montabaur bekannten Mannes.In Holler1889 geboren arbeitete sich Heinrich Roth hoch, trat früh in die christliche Gewerkschaftsbewegung ein und wurde als Mitglied der Zentrumspartei bereits 1924 Mitglied des Deutschen Reichstages.1926 wählte man ihn zum Bürgermeister von Montabaur. Aus diesem von ihm mit Leib und Seele ausgefüllten Amt wurde er von den Nazis kurz nach der sog. Machtergreifung vertrieben. Dabei kam er zum ersten Mal vorübergehend in "Schutzhaft". Seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie sicherte er dann jahrelang als Vertreter sowie mit eigenen Ersparnissen und mit einem Bankkredit. Im Zuge des 20. Juli 1944 kam Heinrich Roth - wie einige tausend frühere Abgeordnete auch - im Rahmen der "Aktion Gewitter" erneut in "Schutzhaft". Nach einigen Wochen ließ man ihn wieder frei. Noch 1945 wurde Roth (inzwischen Mitglied der CDU) zunächst Bürgermeister von Montabaur, dann Landrat des Unterwesterwaldkreises und schließlich Landrat des Kreises St. Goar. Schon wenige Monate nach seinem Eintritt in den Ruhestand starb Heinrich Roth im Jahre 1955.
Am dritten Abend, am Dienstag, dem 4. Aprill 2006, berichtete Dr. Heinz Kahn aus seinem Leben. Als Zeitzeuge des Völkermordes an den Juden Europas und einziger Überlebender seiner Familie schilderte er jüdisches Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Verfolgung durch die Nazis.. Heinz Kahn kam 1922 in Hermeskeil bei Trier zur Welt. Sein Vater war dort Tierarzt, er hatte am I. Weltkrieg teilgenommen und wurde für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Der Sohn Heinz verlebte mit seiner jüngeren Schwester eine unbeschwerte Kindheit. Die Situation änderte sich für ihn und die Familie aber schon bald nach der sog. Machtergreifung der Nazis. Heinz Kahn musste seinen Schulbesuch beenden und fing notgedrungen mit einer Lehre an. Da er aber sehr geschickt und klug war, war er schon bald an verschiedenen Arbeitsstellen ein geschätzter Mitarbeiter. 1938 erlebte er am eigenen Leib die Pogrome an den Juden (sog. Reichspogromnacht am 9./10. November 1938). Immer mehr wurden die Juden ausgegrenzt, diskrimiert und verfolgt. 1942 kam die ganze Familie Kahn zusammen mit anderen Juden "auf Transport" nach Auschwitz. An der berüchtigten Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sah Heinz kam seinen Vater, seine Mutter und seine Schwester zum letzten Mal. Er kam zur Arbeit und konnte so mit sehr viel Glück und Geschick überleben. Zuletzt verschleppte man ihn noch ins KZ Buchenwald. Dort wurde er am 11. April 1945 befreit. Nach dem Krieg holte Heinz Kahn im Alter von 23 Jahren die Schulausbildung nach, machte Abitur, studierte Tiermedizin und ließ sich als Tierarzt nieder. Seitdem lebt er mit seiner Frau, die mit ihrer Familie ins KZ Theresienstadt verschleppt wurde und dort den Holocaust überlebt hat, in Polch bei Mayen.Auch heute noch - nach mehr als 50 Jahren - praktiziert Dr. Kahn als Tierarzt. Seit 1987 ist er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde in Koblenz. 2005 erhielt Dr. Heinz Kahn aus der Hand von Ministerpräsident Kurt Beck das Bundesverdienstkreuz verliehen.Während der Veranstaltungsreihe zeigte das Haus der Jugend eine Ausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung mit Biografien der zuvor Porträtierten wie auch von Kindern und Jugendlichen aus der Region, die ebenfalls Opfer des Nationalsozialismus waren.


 

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