Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Das System der Konzentrationslager 1933-1945

Vortrag von Joachim Hennig  am 8. Dezember 2018 im Medienladen Koblenz

 

Hallo zusammen,

Konstituierend für die NS-Diktatur - und das schon von Anfang an - war die sog. Schutzhaft, die Inhaftierung von NS-Gegnern ohne richterliche Prüfung. Sie war möglich und „zulässig“ aufgrund der sog. Reichstagsbrand-Verordnung vom 28. Februar 1933. Diese Verordnung wurde unmittelbar nach dem Reichstagbrand erlassen, setzte die wesentlichen Freiheitsrechte außer Kraft, insbesondere das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit. Die Verordnung war – wie man auch sagt – das Grundgesetz des NS-Unrechtsstaats. Die Inhaftierung der politischen Gegner in Gefängnissen und Konzentrationslagern wäre ohne „Schutzhaft“ formal nicht möglich gewesen. Und am Ende der Entwicklung standen die späten Konzentrationslager und die Vernichtungslager, wie sie in dem Film „Die Todesmühlen“ dokumentiert werden. Die nationalsozialistischen Konzentrationslager gelten als Symbol der Unmenschlichkeit des NS-Regimes. Sie symbolisieren die enge Verbindung zwischen der terroristischen Unterdrückung innenpolitischer Gegner des „Dritten Reiches“ und der Vernichtungspolitik gegenüber den europäischen Juden und anderen ethnischen und sozialen Gruppen (so: Karin Orth in der Einleitung zu: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 2002, S. 9).

Damit ist eine Entwicklung der Konzentrationslager von 1933 bis 1945 angesprochen. Sie soll hier skizziert werden. Dabei zeigt sich, dass die Konzentrationslager und andere Haftstätten eine eigene „Geschichte“ haben, sie sich im Laufe der 12-jährigen Terrorherrschaft der Nazis entwickelten bzw. entwickelt wurden. Dabei sollte man nicht meinen, diese Geschichte der Konzentrationslager sei von Anfang zielgerichtet und planvoll verlaufen. Ein planvolles System der Konzentrationslager – also eine Art Masterplan – gab es nämlich zu Beginn dieser Entwicklung nicht und überdies entwickelte sich dieses System auch in der Folgezeit nicht so planmäßig, das System war auch geprägt von viel „Improvisation“.

Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager lässt sich vereinfacht in fünf oder auch sechs Phasen aufteilen, diese bildeten zugleich wichtige Entwicklungsstufen der NS-Herrschaft.

Die 1. Phase begann unmittelbar nach der sog. Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933 und reichte bis etwa Sommer 1934. In dieser Zeit monopolisierten die Nazis ihre Macht und festigten sie. Stichwort hierfür war die Verfolgung des politischen Gegners, des „Feindes“ im Innern. Es war der Ausnahmezustand zur Durchsetzung totaler Verfügungsgewalt.

Gemeinhin gilt das KZ Dachau bei München als das erste Konzentrationslager. Das ist so nicht ganz richtig. Es wurde zwar sehr früh eingerichtet, am 21. März 1933. Aber es gab noch frühere Konzentrationslager. Eins der frühesten war das KZ Osthofen bei Worms. Es wurde bereits am 6. März 1933 – also mal gerade eine Woche nach dem Reichstagsbrand und einen Tag nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 – „in Betrieb genommen“.

Bei dieser ersten Phase muss man die damalige Gliederung der Landesverwaltungen berücksichtigen. Damals gab es noch die Länder und die Verschleppung der politischen Häftlinge in die Konzentrationslager erfolgte entsprechend dieser verwaltungsmäßigen und polizeilichen Zuständigkeit. So war das KZ Dachau damals Haftstätte für Bayern. Das KZ Osthofen in Rheinhessen war zuständig für den Volksstaat Hessen. Und die „Schutzhäftlinge“ aus der Koblenzer Region kamen im August 1933 in die Lager im Emsland, nach Börgermoor, Esterwegen, Neusustrum u.a. Damals gehörte Koblenz zur preußischen Rheinprovinz und dementsprechend wurden die Häftlinge in Preußen, und zwar in den Emslandlagern inhaftiert.

Dorthin verschleppte die politische Polizei auch ca. 40 Kommunisten und Sozialdemokraten aus Koblenz und Umgebung. Sie waren noch in „Schutzhaft“ von den ca. 80 NS-Gegner, die unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in Koblenz festgesetzt worden waren. Man hatte sie in der ehemaligen SA-Kaserne auf dem Clemensplatz verhört und misshandelt. Mitte August 1933 brachte man sie in das KZ Börgermoor. Dort empfing sie der Koblenzer SS-Sturmführer Emil Faust – mit den Worten:

Das Herz im Leibe lacht mir, wenn ich Euch sehe, Ihr werdet die Heimat nicht wiedersehen.“

Faust hatte sie schon in Koblenz gequält. Die Misshandlungen setzte er an ihnen in Börgermoor fort.

Damals hatten die SA und regionale Behörden in ganz Deutschland über 80 Konzentrationslager in alten Fabriken, stillgelegten Zuchthäusern oder auf ehemaligen Truppenübungsplätzen eingerichtet. Zu den ersten großen Lagern gehörten in Preußen Oranienburg, Sonnenburg und Lichtenburg. Insgesamt waren 1933 etwa 80.000 Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert.

In dieser ersten Phase der Konzentrationslager machten die Nazis kein Hehl aus ihrer Existenz. Im Gegenteil suchten sie die Öffentlichkeit. Am KZ Osthofen beispielsweise brachten sie einen großen und weit sichtbaren Schriftzug „Konzentrationslager Osthofen“ an. Auch lud man die - damals schon gleichgeschaltete – Presse zu Besuchen ein. Diese berichtete dann teilweise sehr ausführlich über die frühen KZ. Der Tenor der Zeitungsartikel war dabei vorgegeben und wurde auch so herübergebracht: Es gehe mit der Inhaftnahme in diesen Konzentrationslagern darum, diese „verwahrlosten und arbeitsscheuen Elemente“ zu „erziehen“, sie an „Arbeit, Ordnung und Sitte“ zu gewöhnen. - Bereits 1921 hatte Hitler die Errichtung von Konzentrationslager für politische Gegner angekündigt.

Die zweite Phase der Konzentrationslager begann etwa im Sommer 1934. Bis dahin waren viele „Schutzhäftlinge“ wieder aus den Konzentrationslagern entlassen worden. Manche kamen bereits im September 1933 frei, andere wurden zu Weihnachten 1933 entlassen, weitere im Frühjahr 1934. Die Nazis hielten „nur“ noch einen ihrer Meinung nach „harten Kern“ von KPD-Funktionären und anderen missliebigen Personen fest. So wurde das rheinhessische KZ Osthofen im Juni geschlossen, einige Emslandlager im Frühjahr 1934.

In dieser Zeit kam auch als einer letzten 40 Koblenzer Richard Christ frei. Er war von Beruf Buchhändler, war Mitglied der KPD, war Stadtverordneter von Koblenz und war bei den Kommunalwahlen am 12. März 1933 in den Stadtrat gewählt worden. Das Mandat konnte er nicht annehmen, weil er da schon in „Schutzhaft“ in Koblenz einsaß. Ein gutes Jahr später wurde er aus dem KZ Börgermoor entlassen. Er floh nach Südfrankreich. Dort starb er im Jahr 1935 – an den Folgen der in der „Schutzhaft“ erlittenen Misshandlungen. Heute erinnert ein Stolperstein in der Neustadt 23 an Richard Christ.

Die ab 1934/1935 beginnende neue Phase der Konzentrationslager war veranlasst durch führende SS-Leute aus Bayern, durch Heinrich Himmler, Richard Heydrich und weitere SS-Leute. Himmler ging gleich an die Neuorganisation der Konzentrationslager. Im Mai 1934 beauftragte er Theodor Eicke, den Kommandanten des KZ Dachau, kleinere Lager aufzulösen und die verbleibenden Lager zu reorganisieren. Eicke und sein Stab erhielten die Bezeichnung „Inspektion der Konzentrationslager Reichsführer SS“. Bald wurden alle bisherigen Wachmannschaften von ihm abgelöst und eine bereits in Dachau entwickelte Lagerordnung eingeführt. Erlassen wurde sie – wie es hieß – „zur Aufrechterhaltung der Zucht und Ordnung“ als eine „Disziplinar- und Strafandrohung für das Gefangenenlager“. Diese Lagerordnung sollte ein Höchstmaß an normierter Brutalität gegenüber den Häftlingen sicherstellen und war – wenn Sie so wollen - eine Ordnung des Terrors.

Sodann wandte sich Eicke an die SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ und erreichte, dass die als Wachpersonal vorgesehenen Männer durch Unteroffiziere und Offiziere der Leibstandarte „Adolf Hitler“ für ihren Job geschult wurden. Eicke wurde dann Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände (SS-Totenkopfverbände). Eicke schuf das „Dachauer Modell“.

Diese 2. Phase der Konzentrationslager war eine Übergangsphase, man kann sie als Zentralisierungsphase charakterisieren. Inzwischen hatte sich das NS-Regime etabliert, die politischen Gegner waren weitgehend mundtot gemacht, isoliert, geflohen oder umgebracht, die Parteien und die Gewerkschaftsbewegung waren zerschlagen. Zum Jahreswechsel 1934/35 gab es nur noch fünf Lager und ca. 3.000 „Schutzhäftlinge“.

Diese Phase war dann 1. Halbjahr 1936 abgeschlossen. Die neue Phase begann mit dem Preußischen Gesetz über die Geheime Staatspolizei vom 10. Februar 1936, das ausdrücklich den Rechtsschutz für „Verfügungen in Angelegenheiten der Geheimen Staatspolizei“ ausschloss. Es setzte sich dann fort mit Himmlers Ernennung zum Chef der deutschen Polizei am 17. Juni 1936. Himmler war damit Chef der gesamten deutschen Polizei. Zudem vereinigte sich in seiner Person die Leitung der SS und der Polizei. Himmler führte dann den Titel: „Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern“. – Damit war eine weitere Stufe in der Herauslösung der Polizei aus der bisherigen Zuständigkeit des Reichsinnenministeriums und bei ihrer personellen und organisatorischen Verschmelzung mit der SS erreicht.

Diese neue Phase war dadurch gekennzeichnet, dass die Konzentrationslager nicht mehr ausschließlich der Bekämpfung des politischen Gegners dienten, sondern daneben auch der brutalen Herausbildung der „Volksgemeinschaft“. Jetzt gelangten drei Gruppen in das Visier der politischen Polizei und in die Konzentrationslager: Das waren zum einen sog. Berufsverbrecher, Kleinkriminelle, die sich durch wiederholte Bestrafung nicht von der Begehung weiterer Straftaten abhalten ließen. Zum anderen waren das sog. Gewohnheitsverbrecher, die aus „entarteten Trieben“ oder verbrecherischen Erbanlagen“ handelten. Und zum dritten waren das sog. Asoziale oder Arbeitsscheue, deren Sozialverhalten nicht angepasst war und nicht in einen „konfliktfreie“ „Volksgemeinschaft“ passte.

Sogar Zeugen Jehovas fielen unter diesen Teil der Bevölkerung, der vom „gesunden Volkskörper“ isoliert und dann „ausgemerzt“ werden sollte.

Um diese Gruppen von „Schutzhäftlingen“ in den KZ besser kenntlich zu machen, führte man die verschiedenen Häftlingskategorien ein. Jeder „Schutzhäftling“ wurde mit einem Dreieck, einem „Winkel“, gekennzeichnet. Diesen gab es in verschiedenen Farben und jede Farbe stand für eine bestimmte Häftlingskategorie. Außerdem gab es noch weitere Kennzeichnungen für eine Feindifferenzierung.

In dieser Phase, die von 1936 bis zum Kriegsbeginn im September 1939 ging, entstanden neue Konzentrationslager. Das waren – wie Himmler sagte – neuzeitliche, moderne und erweiterungsfähige KZ. Das erste dieser Art war das KZ Sachsenhausen bei Berlin, das im Sommer 1936 eröffnet wurde. Im Sommer 1937 folgte das KZ Buchenwald bei Weimar. Zur gleichen Zeit wurde das KZ Dachau erheblich erweitert. Im Frühjahr 1938 kam das KZ Flossenbürg in der Oberpfalz hinzu, im Sommer 1938 das KZ Mauthausen bei Linz in Oberösterreich und im Mai 1939 das Konzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg an der Elbe, das dann das einzige Frauen-KZ war. Viele dieser neuen Standorte wurden gewählt, weil dort in der Nähe Steinbrüche waren oder Tongruben bzw. Ziegelwerke. Um Geschäfte mit der Bauindustrie machen zu können, gründete die SS die „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ (DESt).

Charakteristisch für diese Phase waren verschiedene „Aktionen“. Schon 1937 gab es eine „Aktion“ gegen Berufs- und Gewohnheitsverbrecher, 1938 zwei Aktionen gegen Asoziale und Arbeitsscheue. Bei der 2. dieser Aktionen, bekannt als „Aktion Arbeitsscheu Reich“ wurden mehr als 10.000 Asoziale und Arbeitsscheue in Konzentrationslager verschleppt.

Eine solche lokale Aktion gab es in Koblenz Anfang Oktober 1938. Am 6. und 7. des Monats wurden mehrere Männer von der Kriminalpolizei in Koblenz als „Asoziale“ festgenommen und dann in Konzentrationslager verschleppt. So der 38-jährige aus Weißenthurm stammende Dachdecker Simon Weinand und der 43-jährige Koblenzer Kellner Franz Bremen. Weinand kam am 9. Juli 1938 in das KZ Buchenwald und wurde nach mehr als fünf Jahren, am 23. September 1943, wieder entlassen. Bremen verschleppte man in das KZ Sachsenhausen. Er überlebte die Schikanen, Erniedrigungen und Schläge dort nicht und starb am 27. April 1940 angeblich an „Kreislaufschwäche“.

Ähnlich erging es den beiden Koblenzer Brüdern Wilhelm und Walter Hübinger. Beide, der 1904 geborene Wilhelm und der 1910 geborene Walter, waren Lehrhauer (Bergleute) und arbeiteten in der Grube Mühlenbach in Arenberg (heute: Koblenz-Arenberg). Sie gerieten ins Fadenkreuz der Koblenzer Gestapo, weil sie angeblich mehrmals ohne ersichtlichen Grund der Arbeit ferngeblieben waren. Deshalb wurden sie Ende 1939 verwarnt. Nachdem Walter wiederum zehn Schichten versäumt hatte, wurde er am 26. Februar 1940 erneut verwarnt. Als er am 9. April 1940 überhaupt nicht zur Arbeit erschienen war, nahm ihn die Gestapo zwei Wochen später in „Schutzhaft“ und beantragte beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin seine Überführung in ein Konzentrationslager. Währenddessen wurde der Bruder Wilhelm wegen erneuter „Arbeitsbummelei“ am 16. August 1940 von der Gestapo Koblenz festgenommen und ebenfalls seine Überführung in ein Konzentrationslager beantragt. Wilhelm und Walter Hübinger wurden dann in Konzentrationslager verschleppt und diese kräftigen und starken Bergleute starben schon sehr bald. Walter kam am 31. Januar 1941 – 3 ½ Monate nach seiner Einlieferung im KZ Sachsenhausen bei Berlin – wegen angeblicher Herz- und Kreislaufinsuffizienz um und Wilhelm starb am 26. April 1942 im KZ Buchenwald – wie es hieß – an Lungentuberkulose. Für Wilhelm und Walter Hübinger ist heute in der Weißer Gasse bzw. in der Schenkendorfstraße jeweils ein Stolperstein verlegt.

Eine weitere Verhaftungswelle brachte der Novemberpogrom 1938. Bei der sog. Judenaktion wurden nach der sog. Reichspogromnacht ca. 30.000 jüdische Männer in die KZ Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt. In Koblenz wurden etwa 100 jüdische Männer in die KZ Dachau und Buchenwald transportiert. Zum ganz überwiegenden Teil ließ man sie nach sechs bis acht Wochen unter der Auflage, auszuwandern, wieder entlassen.

Geplant waren diese Konzentrationslager, als Teil der Kriegsvorbereitungen, für 30.000 bis 50.000 Häftlinge. Ende 1938 befanden sich knapp 13.000 Menschen in Haft, darunter fast 9.000 sog. Asoziale.

Die 4. Phase, die mit der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Hitler-Deutschland begann und bis zur ersten Kriegshälfte dauerte, brachte auch wesentliche Veränderungen im System der Konzentrationslager mit sich. In dieser Zeit gab es immer wieder Sonderaktionen, wie etwa die „vorbeugende“ Einlieferung von ca. 850 Kommunisten und auch Sozialdemokraten zu Kriegsbeginn im Rahmen der sog. A-Kartei-Aktion.

Einer von ihnen war der Metternicher früherer SPD-Funktionär und Gewerkschafter Johann Dötsch. Nach einigen kürzeren Verhaftungen im Jahr 1933 hatte er sich zurückgezogen und seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie schlecht und recht als Vertreter für Seifenwaren verdient. Weil Dötsch im Ersten Weltkrieg Berufssoldat war, erhielt er Ende August 1939 zum Beginn des Zweiten Weltkrieg einen Einberufungsbescheid als Hauptmann. Ehe er sich aber melden konnte, wurde er als „verdächtiger“ SPD-Mann, der vielleicht zu Kriegsbeginn Unruhe in die Bevölkerung bringen könnte, in Gestapohaft genommen und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Erst mit dem Kriegsende im Mai 1945 kam Johann Dötsch frei.

Während des Zweiten Weltkrieges stieg die Zahl der Häftlinge sprunghaft an. Zur gleichen Zeit stieg die Zahl der Toten in den KZs. Im KZ Dachau etwa lag die Todesrate im Jahr 1938 bei 4 Prozent, im Jahr 1942 betrug sie 36 Prozent, im KZ Mauthausen, dem schlimmsten aller im Reichsgebiet gelegenen Lager – die Häftlinge nannten es „Mordhausen“, stieg die Sterblichkeitsrate von 24 Prozent im Jahr 1939 auf 76 Prozent im Jahr 1940.

In dieser etwa bis zum Winter 1941/42 reichenden 4. Phase gab es eine weitere Expansion des KZ-Systems. Fünf neue Konzentrationslager kamen hinzu: Auschwitz, Neuengamme bei Hamburg, Natzweiler-Struthof im Elsaß, Groß-Rosen bei Breslau und Majdanek/Lublin im Generalgouvernement. Hinzu kam auch das SS-Sonderlager/KZ Hinzert bei Hermeskeil im Hunsrück.

Hinzert war ein Sonderfall. Es war ursprünglich ein Polizeihaftlager, in dem straffällig gewordene Arbeiter am Westwall gefangen gehalten und „erzogen“ werden sollten. Es war eins der frühesten sog. „Arbeitserziehungslager“. Später wurde es ein „richtiges“ KZ und ein „Durchgangslager“ für andere Konzentrationslager und für Deportationen nach dem Osten.

Mit der Erweiterung des KZ-Systems änderte sich die Häftlingsstruktur. Mit zunehmender Dauer des Krieges kamen Einwohner der von den Deutschen besetzten Länder in die KZs: vor allem Polen, Franzosen, Tschechen, Jugoslawen, Holländer, Belgier, darunter auch viele Juden und sog. Zigeuner.

Viele Häftlinge aus Westeuropa waren Nacht-und-Nebel-Häftlinge. Das waren Widerstandskämpfer, die von den deutschen Besatzern ins Deutsche Reich verschleppt wurden, ohne dass die Angehörigen wussten, wo sie waren. Sie verschwanden einfach bei „Nacht und Nebel“ und durften auch im KZ keinen Kontakt zu ihren Angehörigen haben – das sollte in den besetzten Gebieten Angst einflößen. Das waren ca. 8.000, darunter ca. 5.000 Franzosen.

Die Verfolgung der Bevölkerung in Osteuropa und deren Behandlung in den Konzentrationslagern waren noch weitaus schlechter als die der West- und auch Nordeuropäer. Nach der Rassenideologie der Nazis standen die slawischen Völker ganz unten in der Bevölkerungs- und Häftlingshierarchie, darunter waren nur noch die Juden.

Bei der Verfolgung und Inhaftierung der Polen und Russen ging es den Nazis nicht nur um die Ausschaltung des politischen Gegners, sondern entscheidend auch um die Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften. Auch diese Phase war eine Übergangsphase. An ihrem Ende stand die Erkenntnis, dass der als Vernichtungskrieg gegen den Bolschewismus geplante Blitzkrieg (das Unternehmen „Barbarossa“) im russischen Winter in der Schlacht vor Moskau gescheitert war. Zur gleichen Zeit begannen auch die ersten Deportationen von Juden aus dem Reichsgebiet. Noch nicht von Koblenz aus, aber etwa aus Luxemburg und Trier. Darauf werde ich gleich noch zurückkommen.

Die 5. Phase der Konzentrationslager begann dann ungefähr im Herbst/Winter 1941/42. Sie war zunächst gekennzeichnet von dem Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen, bei dem mehrere Zehntausend durch verhungern lassen und vor allem in Genickschussanlagen der Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald, Mauthausen und Auschwitz getötet wurden. Überhaupt wurden die Konzentrationslager als abgeschirmter Bereich ein Ort für Gewaltakte, Maßregelungen und Sonderaktionen verschiedener Art.

Mit dieser 5. Phase untrennbar verbunden ist die Deportation von Juden aus dem sog. Altreich, die ab Mitte Oktober 1941 begannen, und der Völkermord an den europäischen Juden, dem Holocaust. Die Tötung der Juden mit Giftgasen begannen im Dezember
1941 durch den Einsatz von Gaswagen in der Vernichtungsstätte Chelmno („Kulmhof“).

Zu dieser Zeit oder kurz danach war der der Befehl zur Ermordung von 11 Millionen Juden in Europa - zur „Endlösung der Judenfrage“ - ergangen. Ein solcher, der nur von Hitler selbst erteilt worden sein konnte, wurde nie aufgefunden, er war aber die Grundlage zum Völkermord an den Juden, dem Holocaust, der Shoa. Organisiert wurde dieses Menschheitsverbrechen auf der Wannsee-Konferenz, einer Besprechung von 15 hohen Behördenvertretern und hohen SS-Leuten am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin. Bei ihr ging es um die technische Realisierung des Völkermords. In dem vom „Judenreferenten“ des Reichssicherheitshauptamtes Adolf Eichmann erstatteten Protokoll heißt es u.a.:

Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.


Danach folgten eine große Vielzahl von Deportationen von Juden aus dem Altreich und aus den besetzten Gebieten, zuletzt gerade auch aus Ungarn. Der erste Transport von Juden aus Koblenz und Umgebung fand am 22. März 1942 statt. Von dieser Deportation waren insgesamt 338 jüdische Nachbarn betroffen, vor allem Familie – wie etwa die Familie Hermann: Vater Leo, Mutter Johanna und die Tochter Hannelore. Für sie heute Stolpersteine in der Johannes Müller-Straße gegenüber dem Evangelischen Stift verlegt. Insgesamt gab es 7 Transporte mit zuletzt nur noch sehr wenige Menschen. Das Ziel dieser Deportationen waren zunächst sog. Durchgangsghettos in dem besetzten Polen, dem so. Generalgouvernement, aber auch das sog. Altersghetto Theresienstadt und dann die Vernichtungslager, vor allem Sobibor.

Außer Sobibor gab es weitere Vernichtungslager: in Belzec, Treblinka, Majdanek und dann ab März 1942 auch in Auchwitz-Birkenau. Zu dieser Zeit bestand Auschwitz dann aus drei Lagern. Das Stammlager Auschwitz, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) und das Buna-Werk der I.G.-Farben Auschwitz-Monowitz (Auschwitz III).

Bei der Deportation in die Vernichtungslager wurden die Juden in Waggons der Reichsbahn herantransportiert, dann vor Ort registriert, sie mussten sich ausziehen, ihnen wurden die letzten Wertsachen abgenommen und sie dann unmittelbar danach ins Gas geschickt. Die Vernichtungslager waren nicht für den Aufenthalt bestimmt, sondern hatten „nur“ die Funktion, im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage in Europa“ Millionen von Juden durch Motorabgase zu ermorden.

Bei der systematischen Deportation und Ermordung der europäischen Juden darf man aber auch nicht vergessen, dass nur ein Teil der Juden überhaupt die Konzentrations- und Vernichtungslager erreichte. Sehr, sehr viele von ihnen wurden durch die deutschen Einsatzgruppen in Polen und in der Sowjetunion, aber auch in Serbien und auch anderswo „vor Ort“ ermordet.

Trotz allem war in dieser 5. Phase die Zahl der KZ-Häftlinge am größten. Im April 1943 waren es 203.000, im August 1944 524.000 und am Ende des Krieges vermutlich mehr als 700.000. Dabei nahm die Zahl der Häftlinge aus den europäischen Ländern im Vergleich zu den deutschen Häftlingen immer mehr zu. Der Anteil der nicht-deutschen Häftlinge stieg in dieser Zeit auf mehr als 90 Prozent. Ein ganz ähnliches Schicksal wie die Juden mussten die deutschen Sinti, aber auch die Roma aus Mittel- und Südost-Europa erleiden. Sie kamen nach Auschwitz-Birkenau in das sog. Zigeunerlager im Abschnitt B II e. Dort waren allein im März 1943 über 11.000 Menschen eingeliefert – darunter auch 149 Sinti aus Koblenz und Umgebung, die mit der Deportation vom 10. März 1943 in das sog. Zigeunerlager verschleppt wurden.

Ein weiteres Kennzeichen dieser Phase der Konzentrationslager war die völlige Ausbeutung der KZ-Häftlinge für die Zwecke der Rüstungsindustrie. Speziell dafür wurde das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt gebildet. Es organisierte einerseits die Arbeit der KZ-Häftlinge in den KZ-eigenen Produktionsstätten und anderer-seits deren Arbeit in bestehenden Privatunternehmen. Zu diesem Zweck wurden in der Nähe von bestehenden Privatunternehmen KZ-Außenlager errichtet, in denen die KZ-Häftlinge untergebracht wurden, um in den nahe gelegenen privaten Rüstungsunternehmen Zwangsarbeit zu leisten. - Am Ende dieser letzten Phase - es war zugleich die letzte Kriegsphase - nahm die Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge für Privatunternehmen in KZ-Außenlagern noch weiter zu. Grund hierfür war, dass infolge des Krieges die Rüstungspro-duktion immer mehr in unterirdische Produktionsstätten verlagert werden musste. Um die Kriegsproduktion in den vor Bomben-angriffen sicheren Stollen und Höhlen, zugleich aber auch die teuren Produktionsanlagen für die Zeit nach dem Krieg sicherzu-stellen, wurden Zehntausende von Häftlingen zu Arbeiten in unterirdischen Produktionsanlagen gezwungen. Seit dem Winter 1943/44 nahm ihre Zahl rapide zu. Im Juni 1944 gab es mindestens 341 Außenlager, im Januar 1945 mindestens 662.

Auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz gab es zwei dieser KZ-Außenlager – das Außenlager „Rebstock“ bei Dernau/Marienthal an der Ahr, es war ein Außenlager des KZ Buchenwald, und das Außenlager Cochem bei Bruttig/Treis an der Mittelmosel, es war ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Beide Lager waren in ungenutzten Eisenbahntunnel. Diese waren gegen Ende des Ersten Weltkriegs errichtet, aber nie als solche genutzt worden. Zuletzt hatte es dort eine Champignonzucht gegeben. Diese Tunnel mussten dann von KZ-Häftlingen als Fabriken eingerichtet werden. In Dernau/Marienthal mussten die Häftlinge Teile der „Wunderwaffe“ V2 zusammenbauen. In Bruttig/Treis hatten sie „nur“ den Tunnel einzurichten. Dort stellte dann Personal des Robert Bosch-Unternehmens Zündkerzen für die Luftwaffe her. Die Lager bestanden im Jahr 1944 nur einige Monate lang. Die Außenlager waren im Laufe des Jahres 1944 eingerichtet worden und mussten dann nach einigen Monaten geräumt werden, als die Front immer näher rückte. Die Arbeitsbedingen dort waren sehr hart. Vom Lager Bruttig/Treis sind ca. 90 Todesfälle bekannt, zahlreiche Todesfälle waren Hinrichtungen vor Ort nach Fluchtversuchen.

Die letzte Phase der Konzentrationslager war die der Räumung frontnaher Lager. Sie begann im Osten schon im Frühjahr 1944 mit der Evakuierung des Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek. Das setzte sich dann fort mit der Räumung insbesondere des Auschwitz-Komplexes mit seinen drei Lagern in Januar 1945. Für diese Häftlinge ging es in weiter westlich gelegene Konzentrationslager. Dadurch füllten sich die Konzentrationslager im eigentlichen Reichsgebiet immer mehr, es gab eine unerträgliche Enge und fürchterliche hygienische Zustände. Zum Teil waren die neuen Häftlinge in primitiven Zelten untergebracht – und das im Winter.

Eine Sonderrolle spielte dabei das KZ Bergen-Belsen bei Hannover. On seiner Endphase war es ein Auffang- und Sterbelager. Viele Häftlinge wurden zum Sterben dorthin transportier. Es wurde am 15. April 1945 von den Briten befreit, ohne dass es vorher evakuiert wurde. Die Briten fanden ein unbeschreibliches Elend und Ausmaß der Verbrechen vor. Noch nach der Befreiung kamen ca. 14.000 Häftlinge an Unterernährung und Krankheiten um. Die Bilder von Fotografen und Kamerateams gingen schon bald nach der Befreiung um die ganze Welt und prägten das Bild der KZ wesentlich mit, noch mehr als anfangs Auschwitz.

Dann wurden auch – bis auf Bergen-Belsen - die Konzentrationslager im Innern des Deutschen Reiches ab April 1945 geräumt. Dabei ermordete die Lager-SS „gefährliche“ und marschunfähige Häftlinge. Die anderen trieb man auf eine Nordroute in Richtung Ostsee und auf eine Südroute in Richtung der imaginären „Alpenfestung“. Wer in der Marschkolonne nicht mitkam oder fliehen wollte, wurde von den SS-Leuten erschossen.

Das waren Todesmärsche, die die halbverhungerten und ausgemergelten Häftlinge am Ende ihrer teilweise jahrelangen KZ-Haft zu überstehen hatten. Für die Überlebenden kam die Befreiung auf die verschiedenste Art und Weise. Der zuvor erwähnte Johann Dötsch kam am 2. Mai 1945 auf der Nordroute kurz vor Schwerin in Mecklenburg/Vorpommern frei, als die SS-Begleitung ihre Waffen wegwarf und die Häftlinge ihrem Schicksal überließ.

Einige Tage später schrieb Dötsch in sein Tagebuch:

Abends gabs die erste Zeitung. Endlich einmal eine klare Nachricht über das weltgeschichtliche Geschehen. Nie haben wir gieriger nach einer Zeitung gegriffen. Wie man immer erwartet hat, ist die ganze Bande im letzten Augenblick ausgerückt oder hat Selbstmord begangen. Doch die Allermeisten werden ihrer verdienten Strafe nicht entgehen. Oft frage ich mich, warum wir selbst nicht an unseren Peinigern Rache genommen haben, als ihre Macht vorbei war an jenem für uns so denkwürdigen Abend des 2. Mai. Der Grund lag wohl darin, dass wir physisch viel zu erschöpft waren, um Vergeltung zu üben, doch ich bin sicher, die Vergeltung für ihre furchtbaren Verbrechen wird auch den letzten Schuldigen zu finden wissen.

Ähnlich, aber politisch deutlicher und bewusster, war der „Schwur von Buchenwald“, den einige Tage nach der Befreiung des KZ 21.000 Überlebende von Buchenwald für ihre 60.000 tote Kameraden schworen. Wir wissen – und das nicht erst seit heute – dass die Bestrafung der NS-Täter total misslungen ist. Umso mehr muss es die Aufgabe von uns allen heute sein mitzuhelfen, den Schwur von Buchenwald in seinem weiteren Versprechen einzulösen:

Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.

Mit diesem Appell machen wir jetzt hier Schluss. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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