Die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit, die Jüdische Kultusgemeinde Koblenz und der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz gedenken der vor kurzem verstorbenen Hildburg-Helene Thill (1940-2026) und würdigen ihr Leben und ihre Leistungen für die Koblenzer Juden und die Erinnerungskultur in Koblenz:
Hildburg-Helene Thill ist gestorben – Großer Verlust für die Gedenkarbeit in Koblenz

Mit großer Trauer haben wir vom Tod von Frau Hildburg-Helene Thill erfahren und teilen ihn der breiten Öffentlichkeit mit. Frau Thill hat sich bis zuletzt für die Juden in und aus Koblenz und die Erinnerung an sie unermüdlich eingesetzt.
Im Jahr 1940 in Augustfehn (Ammerland) geboren, begann ihr Engagement für die Menschen und die Erinnerungskultur schon sehr früh, zu einer Zeit, als das noch sehr ungewöhnlich und unbequem war. Ab Mitte der 1970er Jahre war sie Vorsitzende der 1971 hier gegründeten Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit. Um ihre Kenntnisse zum Ursprung des Christentums über das Studium der katholischen Religion hinaus zu vertiefen, besuchte sie Vorlesungen im Fach Judaistik an der Universität Köln.
Schon Anfang der 1980er Jahre warb sie dafür, ehemalige jüdische Koblenzer zu einem „Heimatbesuch“ einzuladen. Dieser Traum erfüllte sich für Frau Thill und für andere Koblenzer Mitstreiter im Jahr 1985. Sie hatte das Treffen in der „alten Heimat“ jahrelang vorbereitet. Der Durchbruch kam vor allem mit einem Projekt zum 150-jährigen Jubiläum des Hilda-Gymnasiums im gleichen Jahr. Als Lehrerin für Deutsch und katholische Religion am Hilda-Gymnasium hatte sie Schülerinnen dafür begeistern können, Kontakte zu ehemaligen jüdischen Schülerinnen in aller Welt aufzunehmen. Die Resonanz war unerwartet und riesengroß. Viele der ehemaligen Schülerinnen und später auch andere in der Nazizeit aus Koblenz vertriebene oder geflohene Juden aus aller Welt, vor allem aus den USA, Großbritannien und Israel, meldeten sich und knüpften die Kontakte. Sie teilten nicht nur ihre Adressen mit, sondern berichteten auch über ihre Schulzeit und Jugend in Koblenz und ihre Flucht aus Hitler-Deutschland und das Schicksal ihrer Familie im Holocaust.
Das Interesse auf beiden Seiten wurde immer größer. Der erste sichtbare Erfolg des Kontakts war dann der von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit im Jahr 1985 organisierte „Heimatbesuch“. Der von Frau Thill entzündete Funke sprang über. Die „Heimatbesucher“ erzählten schriftlich und mündlich aus ihrem Leben. Auch regten sie an, in Koblenz einen Raum zur Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder einzurichten. Beides griff Frau Thill umgehend auf und setzte es in die Tat um. Im Bürresheimer Hof, der ehemaligen Koblenzer Synagoge am Florinsmarkt, richtete sie in der damaligen Kinder- und Jugendbibliothek der Stadtbibliothek einen Gedenkraum ein. Auch fasste sie die Lebenserinnerungen ehemaliger jüdischer Koblenzer zusammen in dem Buch „Lebensbilder jüdischer Koblenzer und ihre Schicksale“. Zuvor hatte sie jahrelang in Archiven, vor allem im Landeshauptarchiv und im Stadtarchiv Koblenz, zur Geschichte der Juden in Koblenz recherchiert. Beides wäre ohne die Hilfe der Stadt nicht möglich gewesen. Allerdings war diese Hilfe sehr begrenzt. Der Gedenkraum war nur von der Bibliothek aus erreichbar und in der Ausstattung sehr bescheiden. Die Fotografien, Dokumente und Texte gab es nur in Fotokopie und auf einem schwarzen Karton, beides von Frau Thill mit einigen Schülerinnen selbst zusammen- und hergestellt. Und die „Lebensbilder“ wurden von der Stadtbibliothek herausgegeben – in einer sehr kleinen Auflage und mit einem wenig haltbaren Einband. Das Buch war nach dem Erscheinen schnell vergriffen, die Ausstellung verschwand mit dem Auszug der Bibliothek aus dem Bürresheimer Hof in das Forum Confluentes.
Die Heimatbesuche ehemaliger jüdischer Koblenzer blieben aber,; sie endeten erst mit der Corona-Pandemie.
Frau Thill stellte sich weiteren Herausforderungen. Eine war der für die Jüdische Kultusgemeinde Koblenz nur sehr schwer zu bewältigende Zuzug jüdischer Zuwanderer und ihrer Familienangehörigen aus der ehemaligen Sowjetunion. Frau Thill nahm diese Herausforderung an. Als ausgebildete Deutschlehrerin gab sie zweimal in der Woche Deutschunterricht und vermittelte Kenntnisse über das Judentum.
In dieser Zeit traf man Frau Thill immer wieder in den örtlichen Archiven –in alten Folianten blätternd und handschriftliche Eintragungen in ihrer Kladde machend, sowie auf verlassenen Friedhöfen im Rheinland, bei denen sie stets ihr Ehemann begleitete. 1996 und 1997 wurden die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlicht: So ein Aufsatz in dem Sammelband „Spuren der Vergangenheit: Jüdisches Leben im Landkreis Cochem-Zell“ sowie ein Beitrag mit Erich Klinge über jüdische Rechtsanwälte in der Festschrift der Rechtsanwaltschaft im Oberlandesgerichtsbezirk Koblenz und zusammen mit Karl-Josef Burkard das Buch „Unter den Juden: Achthundert Jahre Juden in Boppard“.
Ihre letzten Arbeiten waren eine Dokumentation über Koblenzer jüdische Kinder und Jugendliche als Opfer des Holocaust und eine Ausstellung über Koblenzer jüdische Familien.
Die letzten Jahre lebte sie zusammen mit ihrem Ehemann in Pfaffendorf und in Südfrankreich. Hildburg-Helene Thill starb einige Tage vor Ostern. Da sie die jüdische Tradition sehr wertschätzte, hatte sie noch zum Pessach-Fest bei der Jüdischen Kultusgemeinde Matzen bestellt und sie abholen wollen. Dazu kam es dann nicht mehr. Sie starb am 24.03.2026 im Alter von 85 Jahren und hinterlässt ihren Ehemann, zwei Söhne und fünf Enkelkinder.
In Koblenz und weit darüber hinaus leben ihre Arbeiten weiter. Sie waren eine wichtige Quelle für die von Joachim Hennig verfasste 940-seitige Geschichte der Juden „Von der ‚Universitas Judeorum in Confluencia‘ zu Körperschaften des öffentlichen Rechts - Geschichte der Juden in Koblenz“, die auf der Homepage des Fördervereins Mahnmal Koblenz veröffentlicht ist.
