Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Der 9. November in Koblenz

Der 9. November ist für uns in Deutschland ein sehr geschichtsträchtiges Datum: Es sind fünf wichtige Ereignisse, an die es an diesem Datum zu erinnern gilt. Das ist einmal der 9. November 1848. An diesem Tag wurde der revolutionäre Politiker, Publizist, Verleger und Dichter Robert Blum hingerichtet. Am 9. November 1918 dankte der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., ab und es begann die sog. Novemberrevolution, die nach der Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann zur Weimarer Republik führte. Am 9. November 1923 unternahm Adolf Hitler mit dem General a.D. Erich Ludendorff und anderen Reaktionären und Nazis den Marsch auf die Feldherrnhalle in München. Dieser Putschversuch endete kläglich und mit dem Versagen der hierüber urteilenden Justiz. 15 Jahre später, am 9. November 1938, versammelte sich die "alten Garde" wieder in Müchen zur Erinnerung an diesen gescheiterten Staatsstreich und intitiierten den Novemberpogrom vom 9./10. November ("Reichspogromnacht"). Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die Jahrzehnte lang die beiden deutschen Staaten trennte. Das war der Anfang zur Wiedervereinigung Deutschlands. Das sind fünf wichtige Ereignisse eines einzigen Tages. Als Verein, der sich der Erinnerung an die NS-Opfer verschrieben hat, stand für unseren Förderverein Mahnmal Koblenz die Erinnerung an den 9./10. November 1938 im Vordergrund. Das galt in diesem Jahr umso mehr, als sich der Novemberpogrom 2018 zum 80. Mal jährte.

Aus diesem Anlass gab es auch hier in Koblenz mehrere Veranstaltungen. Die Reihe begann am 5. November mit einem Liederabend der ganz besonderen Art. Auf Einladung der Präsidentin des Oberlandesgerichts Koblenz Marliese Dicke und in Kooperation mit unserem Förderverein spielte und sang der Chasan (Kantor, Vorbeter) Daniel Kempin aus seinem reichen Repertoire jiddische Lieder. Ergänzt wurde diese Musik im Neuen Justizzentrum Koblenz von zwei Kurzvorträgen unseres stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig. In ihnen schilderte er die Situation der jüdischen Nachbarn in der NS-Zeit bis zum Novemberpogrom, dieses selbst und die Verfolgungsgeschichte danach bis zum Holocaust.

 

Sehen Sie hier die Fotos zu dieser Veranstaltung:

 
1. Blick aus dem Zuschauerraum auf die Veranstaltung.

2. Die Zuschauer.

 

3. Grußwort des Justizministers Herbert Mertin.

 

4. Begrüßung durch die Präsidentin des Oberlandesgerichts Koblenz Marliese Dicke.

 

5. Grußwort des Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs und des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz Dr. Lars Brocker

 

6. Gitarrist und Sänger Daniel Kempin.

 

7. Musiker Kempin und Minister Mertin und OLG-Präsidentin Dicke mit einem Liedtext zum Mitsingen.

 

Bildrechte zu den Bildern:
1, 2 und 6: Oberlandesgericht Koblenz
3, 4, 5 und 7: Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz

 

 

Lesen Sie hier die beiden Kurzvorträge unseres stellvertretenden Vorsitzenden:

Text zur Gedenkveranstaltung mit David Kempin am 5. November 2018 im Neuen Justizzentrum Koblenz

 von Joachim Hennig

Der Novemberpogrom vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, hatte eine Vorgeschichte. Sie reicht – wenn man nur die Zeit des Nationalsozialismus an der Macht betrachten will - bis in seine Anfänge zurück.

Bereits ab Mitte März 1933, also sechs Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und eine Woche nach den letzten halbwegs legalen Wahlen am 5. März 1933, kamen jüdische Juristen reichsweit in das Fadenkreuz der Nazis. Am 12. März 1933 besetzten SA-Leute das Landgericht Breslau und unterbrachen Verhandlungen, in denen jüdische Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte tätig waren. Nur zwei Tage später verlangte der „Bund nationalsozialistischer Deutscher Juristen“, kein Jude dürfe im Dritten Reich als Richter, Notar oder Rechtsanwalt tätig sein. Alle deutschen Gerichte bis hinauf zum Reichsgericht müssten von Richtern und Beamten „fremder Rasse“ unverzüglich gesäubert werden und sofort müsste eine Zulassungssperre für Rechtsanwälte „fremder Rasse“ an deutschen Gerichten in Kraft treten und anderes mehr.

Für den 1. April 1933, hatten die Nazis den Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte propagiert. Dementsprechend bauten sich am 1. April 1933 SA-Männer mit Plakaten vor den jüdischen Geschäften auf und hinderten Kunden am Betreten der Geschäfte.

Schon wenige Tage später setzte sich die Diskriminierung der Juden durch Gesetze und Verordnungen fort. Grundlegend war das Gesetz mit dem zynischen Titel „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Mit ihm ging es nicht etwa um die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, sondern genau um das Gegenteil: um die Vertreibung der den Nazis missliebigen Staatsdiener aus ihrem Beruf. Das Gesetz richtete sich zum einen gegen politische Gegner des NS-Regimes, das traf vor allem Sozialdemokraten und exponierte Anhänger der parlamentarisch-demokratischen Reichsverfassung. Und zum anderen bestimmte es, dass Beamte „nicht-arischer Abstammung“ in den Ruhestand zu versetzen sind. Das war der sog. Arierparagraf. Mit einem weiteren Gesetz vom selben Tag entfernte man politisch missliebige und jüdische Rechtsanwälte aus ihrem Beruf.

Die nächste Wegmarke waren die „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935. Mit dem sog. Reichsbürgergesetz erfanden die Nazis den Status des „Reichsbürgers“. Das war der „Vollbürger“, eine bessere Variante des Staatsbürgers. Mit diesem Gesetz und mit einem Schlag nahm man den Juden Rechte weg. Sie wurden zu bloßen Staatsbürgern und damit zu Bürgern zweiter Klasse deklassiert. Damit setzten die Nazis das um, was sie schon 1920 in ihr krudes Parteiprogramm geschrieben hatten. Ein weiteres Nürnberger Gesetz war das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Es erfand den Straftatbestand der sog. Rassenschande.

Immer weiter drängte man die Juden aus dem Wirtschaftsleben, u.a. mit dem Slogan: „Deutsche wehrt Euch, kauft nicht bei Juden!“ Man wollte die Juden einfach loswerden, sie sollten verschwinden. Die Kampagne trieb im Sommer 1938 ihrem Höhepunkt zu. Zur selben Zeit erging eine Verordnung, wonach die Juden zwangsweise die Vornamen „Israel“ bzw. „Sarah“ tragen mussten, sofern ihre bisherigen Vornamen sie nicht ohnehin als Juden auswiesen.

Eine weitere wichtige Wegmarke des Unrechtsstaates war dann der Novemberpogrom von 1938. Die Nazis nannten es „Reichskristallnacht“, heute hat sich nicht viel besser der Begriff „Reichspogromnacht eingebürgert. In der hier angedeuteten Stimmung gegen die Juden hatte ein 17-jähriger in Deutschland lebender Jude namens Herschel Grünspahn tödliche Schüsse auf den Legationssekretär vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris abgegeben. Anlass für den jungen Juden war, dass seine polnischen Eltern, die vor vielen Jahren nach Deutschland eingewandert waren und hier sesshaft geworden waren, Ende Oktober 1938 nach Polen abgeschoben wurden und im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen „campieren“ mussten.

Am Abend des 9. November 1938 saß Hitler mit „alten Kämpfern“ in München zusammen zur Erinnerung an den Hitler-Ludendorff-Putsch am 9. November 1923, als die Nachricht vom Tod des Legationssekretärs eintraf. Unmittelbar danach hielt der Reichspropagandaminister Goebbels eine wüste Kampfrede, mit der er die „jüdische Weltverschwörung“ für den Tod verantwortlich machte. Ihr Inhalt wurde sofort als Weisung zum Losschlagen an die Gliederungen der NSDAP weitergegeben. Überall im Land wurden die SA-Ortsgruppen mobilisiert. Zusammen mit SS- und Gestapoleuten sowie Nachbarn setzten die SA-Leute Synagogen in Brand, zerstörten jüdische Geschäfte und Wohnungen, misshandelten und verhafteten Juden. Der Polizei war verboten, dagegen einzuschreiten, die Feuerwehr durfte nur Häuser der „Arier“ schützen.

Am 11. November lag das offizielle Zwischenergebnis vor: 815 zerstörte Geschäfte, 20 in Brand gesetzte oder zerstörte Warenhäuser, 171 in Brand gesetzte oder zerstörte Wohnungen, 191 Synagogen in Brand gesteckt, 76 weitere vollständig demoliert. Dazu kamen Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und andere zerstörte jüdische Einrichtungen. Fast 100 Juden waren ermordet worden, noch deutlich mehr hatten Verletzungen erlitten. Mehr als 30.000 Männer verschleppte man in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen.

Auch in Koblenz wüteten die Nazis. Zerstört wurden 19 Geschäfte und 41 Wohnungen, jüdische Bürger wurden misshandelt. Trupps zerstörten die Synagoge am Florinsmarkt. In Brand gesteckt wurde sie aus Rücksichtnahme auf die unmittelbar angrenzenden Nachbarhäuser nicht. Aber der Friedhof im Rauental wurde geschändet und die Leichenhalle verwüstet. Etwa 100 Männer verschleppte man in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald.

Um Ihnen einen gewissen Eindruck von diesem Novemberpogrom zu vermitteln, möchte ich Ihnen hier das Geschehen bei der Koblenzer Juristenfamilie Brasch schildern. Da war der Vater Justizrat Dr. Isidor Brasch, sein älterer Sohn Ernst und sein jüngerer Sohn Dr. Walter Brasch. Die Söhne waren als Rechtsanwalt bzw. als höherer Verwaltungsbeamter 1933 entlassen worden. Der Vater hatte resigniert, seine Zulassung als Rechtsanwalt wenige Tage vor den Nürnberger Gesetzen 1935 zurückgegeben und war dann später gestorben. Der jüngere Sohn war mit seiner Familie nach Amsterdam emigriert, der ältere lebte mit seiner Familie in Frankfurt am Main.

In dem Haus der Familie in der Rizzastraße lebte nur noch die 71-jährige Witwe Emma Brasch. Ihre Enkelin, Frau Dr. Marianne Pincus, geb. Brasch, die sich nach dem Novemberpogrom noch mit dem Kindertransport nach England retten konnte, erzählte mir von dem Geschehen hier. In der Nacht vor 80 Jahren – so die Enkelin - fiel eine ganze Horde Nazis in das Haus ein und demolierte es. Bereits im Eingangsbereich rissen die Männer die Kacheln von den Wänden und beschädigten das Treppenhaus. Ihre Verwüstung setzten sie in der Wohnung fort, in der sie die 71-jährige Frau allein antrafen. Die Nazis zerhackten einen großen Teil der Möbel, und plünderten den Inhalt von Schränken. Die entsetzte alte Dame zerrten sie aus der Wohnung, schleppten sie in den Garten, sperrten sie dort ein und machten von ihr, im Nachthemd, ein Foto – um es später im Hetzblatt „Der Stürmer“ zu veröffentlichen und damit die Juden insgesamt lächerlich zu machen.

 

Als Zeitzeugin schilderte Frau Pincus die Ereignisse in der eigenen Familie in Frankfurt wie folgt:

 

Am 9. November 1938 bin ich wie immer mit dem Fahrrad zum Philantropin, dem jüdischen Gymnasium in Frankfurt/Main, gefahren. Noch bevor der Unterricht begonnen hatte, wurden unsere männlichen Lehrkräfte vor den Augen der Schüler verhaftet. Wir wurden nach Hause geschickt, ohne zu wissen, dass dies unser allerletzter Schultag sein sollte. Auf meinem Nachhauseweg sah ich den Qualm brennender Synagogen aufsteigen.

Meine Mutter empfing mich mit sehr besorgter Miene und sagte, dass schon mehrmals uniformierte Männer geklingelt hätten, dass sie nach dem Vater gefragt hätten, der aber nicht zu Hause sei. Als der Vater zurückkam, verschwand er im Badezimmer, und ich vernahm kurz darauf ein ziemliches Geschrei. Wie ich später erfuhr, hatten meine Mutter und meine ältere Schwester versucht, ihn daran zu hindern, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Fast zur selben Zeit klingelte es Sturm an unserer Haustür. Mein Vater wurde abgeholt, und ich sah, wie er von zwei Uniformierten wie ein Verbrecher abgeholt wurde. Da sie eine lange, noch unbebaute Straße lang liefen, konnten viele Nachbarn von ihren Fenstern aus das Schauspiel beobachten. Plötzlich fiel meiner Mutter ein, dass mein Vater noch nichts gegessen hatte. Sie schmierte schnell ein paar Stullen, meine Schwester schwang sich aufs Fahrrad und brachte sie ihm.

Am späteren Nachmittag kam unsere jüdische Nachbarin mit ihrer Tochter. Ihr Mann war ebenfalls abgeholt worden, und sie war völlig fassungslos und weinte ununterbrochen. Bereits wenige Wochen danach erhielt sie die Nachricht, dass ihr Mann gestorben sei. Er war etwa 40 Jahre alt und sei, wie sie beteuerte, nie krank gewesen.

So weit der Bericht von Marianne Pincus, geborene Brasch. Ihr Vater Ernst Brasch und sein Nachbar in Frankfurt waren zwei der beim Novemberpogrom festgenommenen und in Konzentrationslager Verschleppten. Ganz bewusst wurden besser situierte Männer verhaftet. Diese zeitlich begrenzte „Aktion“ diente (noch) nicht der physischen Vernichtung, sondern „nur“ der Einschüchterung und Pression zur Auswanderung. Mit vielen anderen brachte man Ernst Brasch ins KZ Buchenwald. Nach einigen Wochen und der Erklärung, auswandern zu wollen, kam er schließlich wieder frei.

Unmittelbar nach dem Novemberpogrom entschied Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan, dass die Juden die an ihren Geschäften verursachten Schäden auf eigene Kosten beseitigen mussten. Außerdem wurde ihnen eine „Buße“ von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt. Weitere Diskriminierungen und Ausgrenzungen folgten geradezu Schlag auf Schlag. So wurde ihnen die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen verboten und ihre Kinder durften nicht mehr öffentliche Schulen besuchen. Unmittelbar danach begann die systematische Ausbeutung und Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, die „Zwangsarisierung“ jüdischer Unternehmen, Geschäfte usw. Auch verloren die Juden den Mieterschutz. Daraufhin wurden sie in sog. Judenhäuser eingewiesen und konzentriert, dort mussten sie auf engem Raum mit anderen Juden zusammenleben.

Diese Diskriminierungen und Ausgrenzungen erhöhten den Auswanderungsdruck. Danach flohen noch mehr Juden ins Ausland. Die Nazis und ihre Helfer setzten auch jetzt noch alle Hebel in Bewegung, sie aus Deutschland zu vertreiben – ihr Vermögen aber hier zu behalten. Es war keineswegs so, dass die Nationalsozialisten von Anfang an den Holocaust vorhatten oder diesen mit der „Reichspogromnacht“ in Angriff nahmen. Nein, auch jetzt noch wollte man die Juden „nur“ herausekeln und sie loswerden.

Auch noch nach dem von Hitler-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939 ging es den Nazis – ausschließlich - um die Vertreibung. Dazu gab es auch einen Plan, den sog. Madagaskar-Plan. Die Idee war, vier Millionen europäische Juden auf die vor der Ostküste von Afrika gelegene Insel Madagaskar, damals eine französische Kolonie, zu verbringen. Wegen des Seekrieges mit England wurde dieser Plan aber bald verworfen. Er war auch undurchführbar. Wie sollte man binnen kurzer Zeit vier Millionen Menschen auf Schiffen bei einer wochenlangen Überfahrt nach Afrika bringen?

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Flucht aus Deutschland immer schwieriger, die anderen Staaten waren immer weniger bereit, flüchtende Juden aufzunehmen. Im Oktober 1941 wurde offiziell eine Auswanderung verboten. Im Monat zuvor hatte man alle Juden vom 6. Lebensjahr an verpflichtet, einen gelben Stern auf der Kleidung gut sichtbar zu tragen. Damit waren die öffentliche Demütigung und Brandmarkung vollkommen, die Überwachung der verfolgten Minderheit perfekt.

In dieser Zeit, im Spätsommer/Herbst 1941 entschied man sich für die Vernichtung der europäischen Juden. – für den Holocaust, die Shoa. Einen ausdrücklichen Befehl darüber hat man bisher nicht aufgefunden. Einen schriftlichen Befehl dazu hat es dazu wohl auch nie gegeben. Es ist aber ganz sicher, dass eine solche wichtige Entscheidung von Hitler persönlich getroffen wurde – ggf. in einem streng geheimen mündlichen Befehl.

In „Ergänzung“ und „Ausfüllung“ dieses Befehls zum Holocaust fand am 20. Januar 1942 die sog. Wannsee-Konferenz statt, in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin. Dort wurde der Völkermord an den europäischen Juden organisatorisch auf den Weg gebracht. Im Protokoll dazu heißt es, dass nunmehr an die Stelle der Auswanderung die sog. Evakuierung nach dem Osten trete. Im Zuge der Endlösung der europäischen Juden kämen rund 11 Millionen Juden in Betracht. Bei der praktischen Durchführung der Endlösung werde Europa von Westen nach Osten durchkämmt.

Zwei Monate später, am 22. März 1942, kam es zur 1. Deportation mit 338 Juden aus Koblenz und Umgebung. Betroffen davon waren vor allem Familien. Diese hatte die Koblenzer Gestapo am Tag zuvor in die Turnhalle der Steinschule im Rauental hinbestellt. Von da aus ließ man sie am frühen Nachmittag des 22. März 1942 durch die Stadt zum Güterbahnhof Lützel marschieren. Dort wurden sie in einen Personenzug der 4. Klasse eines Sonderzugs „verladen“. Das Ziel war das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin im damaligen Generalgouvernement. Das weitere Schicksal dieser Deportierten ist nicht bekannt. Wenn die Menschen den Transport und den Aufenthalt im Ghetto überhaupt überlebt hatten, wurden sie in den folgenden Wochen oder Monaten in den Vernichtungslagern Belzec oder Sobibor mit Motorabgasen ermordet.

Es folgten noch sechs weitere Deportationen von Koblenz aus. Die 2. Deportation am 30. April 1942 betraf 105 jüdische Menschen, die 3. Deportation vom 15. Juni 1942 342 Juden. Das waren fast ausschließlich Patienten der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn. Das waren psychisch kranke Menschen. Sie wurden auf dem ehemaligen Bahnhof von Bendorf-Sayn „verladen“ und dann über den Güterbahnhof von Koblenz-Lützel in das Generalgouvernement „verfrachtet“. Der 2. Transport ging in einen Nachbarort von Izbica. Sofern diese psychisch kranken, teils bettlägerigen Menschen überhaupt den Transport überlebten und in dem Durchgangsghetto ankamen, blieben sie dort nur bis Anfang Juni 1942. Dann liquidierten die deutschen Besatzer das Ghetto. Sie trieben 200 Juden auf den Friedhof des Ortes und erschossen sie dort. Die verbliebenen Menschen schafften sie zu Fuß nach Izbica. Von dort aus wurden sie in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und in den Gaskammern ermordet. Die 3. Deportation mit den Schwerkranken von Bendorf-Sayn und auch Personal der Anstalt - 80 Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten – hatte als Ziel unmittelbar das Vernichtungslager Sobibor.

Sechs Wochen später, Ende Juli 1942, verschleppte man mit der 4. Deportation von Koblenz aus ältere und schwer kriegsbeschädigte Juden sowie solche mit Kriegsauszeichnungen. Der Transport mit 79 Menschen ging in das von den Nazis euphemistisch Altersghetto genannte Konzentrationslager Theresienstadt.

Danach waren nur noch wenige Juden in Koblenz, vor allem die, die die Nazis zur Abwicklung der Deportationen in Koblenz benötigten sowie in sog. privilegierter Mischehe lebenden Juden und die sog. Geltungsjuden.

Das war zum einen der HNO-Arzt Dr. Hugo Bernd. Er hatte aufgrund einer der zahlreichen Verordnungen zur Durchführung des Reichsbürgergesetzes seine Zulassung als Arzt verloren, war aber als Frontkämpfer jüdischer Krankenbehandler geblieben. Er betreute die Juden – und nur diese – und sie dann auch bis zu den Deportationen. Nachdem die allermeisten deportiert worden waren, wurde er von den Nazis nicht mehr gebraucht. Zusammen mit seiner Frau Senta wurde Dr. Hugo Bernd mit der 5. Deportation am 28. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Mit ihnen wurde ein weiteres Ehepaar deportiert, dessen Ehemann als Sekretär der Jüdischen Kultusgemeinde bis zuletzt gearbeitet hatte, jetzt aber auch nicht mehr benötigt wurde.

Der letzte (nicht in „privilegierter Mischehe“ lebende) Jude in Koblenz war der Rechtsanwalt Dr. Isidor Treidel. Er hatte im Zuge der Nürnberger Rassengesetze seine Zulassung als Rechtsanwalt verloren, war aber weiterhin „jüdischer Rechtskonsulent“ für die Angelegenheiten der Juden. Ihn hatten die Nazis bisher verschont, weil man seine juristischen Fähigkeiten und Kenntnisse für die „Arisierung“ jüdischen Vermögens und dessen Aneignung durch das Deutsche Reich benötigte. Als alle Juden deportiert und zuvor ihre Rechtsverhältnisse geregelt waren, wurde auch er nicht mehr gebraucht. Zusammen mit seiner Ehefrau Erna verschleppte man ihn mit der 6. Deportation von Koblenz in das Konzentrationslager Theresienstadt. Von dort gingen beide am 15 Oktober 1944 unter der Bezeichnung „Arbeiter“ bzw. „Haushalt“ auf Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und wurden mit Giftgas ermordet.

Die 7. und letzte Deportation von Koblenz aus erfolgte Mitte Februar 1945. Von ihr waren die bis dahin noch verschont gebliebenen Juden betroffen, die in sog. privilegierter Mischehe lebten oder sog. Geltungsjuden waren, d.h. sog. Halbjuden, die sich aber zur jüdischen Gemeinde bekannt hatten. In Koblenz waren das wohl 18 Personen. Sie wurden in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Näheres ist nicht bekannt.

Mit der Deportation verloren nicht nur die allermeisten Juden ihr Leben, sondern alle auch ihr Vermögen. Nach der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 verlor ein Jude, wenn er seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland nahm, mit dessen Verlegung ins Ausland die deutsche Staatsangehörigkeit. Mit dem Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit verfiel dessen Vermögen dem Reich. Das verfallene Vermögen sollte – wie es in der Verordnung heißt – zur Förderung aller mit der Lösung der Judenfrage im Zusammenhang stehenden Zwecke dienen. Nach der 13. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 1. Juli 1943 verfiel generell nach dem Tode eines Juden sein Vermögen dem Reich.

Nur wenige Juden, die in Koblenz gelebt hatten und dann Opfer des Holocaust wurden, haben überlebt. Das Mahnmal für die Opfer auf dem jüdischen Friedhof spricht davon, dass von 500 Koblenzer Juden 22 überlebt haben. Dieses Mahnmal ist übrigens eines der ersten, wenn nicht sogar das erste für NS-Opfer im heutigen Rheinland-Pfalz. Es ist auf Initiative von Addie Bernd 1947 errichtet und eingeweiht worden. Als 17-Jähriger war Addie Bernd zusammen mit seinen Eltern Sally und Paula Bernd, die ein Schuhgeschäft hier betrieben, massiv von dem Novemberpogrom betroffen. Sein Vater und sein Onkel gehörten zu den 100 Juden aus Koblenz, die man anschließend in das Konzentrationslager Dachau verschleppte. Sie kamen nach einigen Wochen wieder frei. Die gesamte Familie Bernd, bis auf Addie, wurde mit der 1. Deportation am 22. März 1942 nach Izbica ins Generalgouvernement verschleppt. Keiner von ihnen kam zurück.

Nur Addie Bernd überlebte. Er war nach Köln zwangsverpflichtet worden. Dort wurde er von der Gestapo verhaftet, kam in „Schutzhaft“ und nach einer halbjährigen Einzelhaft in das Konzentrationslager Auschwitz. Im Dezember 1944 wurde er vor der herannahenden Roten Armee mit anderen ins KZ Dachau verschleppt. Als die US-Armee im April 1945 auf Dachau zumarschierte, brachte man ihn in Richtung Österreich. Am 1. Mai 1945 kam der Zug mit Addie Bernd und den anderen Häftlingen auf freier Strecke zum Stehen. Dann wurden sie von amerikanischen Soldaten befreit.

Addie wog noch 96 Pfund und war sehr schwach. Nach einer Woche fuhr er mit dem Fahrrad nach Koblenz und suchte seine Familie - vergeblich. Er war der einzige Koblenzer Jude, der Auschwitz überlebt hatte und zurückkehrte. Er gründete die Jüdische Kultusgemeinde Koblenz neu und war ihr erster Vorsitzender nach dem Krieg. Er war sehr engagiert, resignierte aber nach einigen Jahren. Sehr enttäuscht war er vor allem wegen der Entnazifizierung, die er für eine Farce hielt.

1950 wanderte Addie Bernd in die USA aus. Dort heiratete er bald seine Frau Lisa, eine Wienerin, und gründete eine Familie. Er und seine Frau kamen in den 1990er Jahren wiederholt nach Koblenz auf „Heimatbesuch“. Addie Bernd starb im Jahre 2001 in New York.

Die Erinnerung an den Novemberpogrom hier in Koblenz wurde am 9. November fortgesetzt. Das begann mit einer Gedenkstunde des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums in der Florinskirche. Schülerinnen un d Schüler lasen aus Briefen der Familie Hermann. Dabei zeichneten sie ein sehr eindrückliches Bild der Famlie in Koblenz zwischen Hoffen und Bangen. zwischen Bleiben und Gehen - bis es für die Eltern Hermann und ihre Tochter Hannelore kein Entrinnen mehr gab und sie von Koblenz aus in den Holocaust geschickt wurden. Unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig stellte dabei die Geschehnisse im November 1938 in den historischen Zusammenhang. und gab einen Abriss der Geschichte des Judenhasses und des Antisemitismus vom Mittelalter bis heute.

 

Lesen Sie hier den kurzen historischen Abriss unseres stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig.

Textbeitrag zur Veranstaltung des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums

am 9. November 2018 in der Florinskirche

von Joachim Hennig

 

Der Novemberpogrom vor 80 Jahren vom 9. auf den 10. November 1938 fand überall in Deutschland statt, auch bei uns in Koblenz. Der Pogrom war von der Spitze des Staates und der einzigen Partei, die es damals gab, der NSDAP, inszeniert. Er war eine sehr wichtige Wegmarke in der Rassenpolitik der Nationalsozialisten.

Dabei war diese Politik und Ideologie Hitlers und seiner Leute nicht neu. Jahrhundertelang gab es den christlichen Judenhass, es gab die Pogrome im Mittelalter, es gab die Judenfeindschaft und -diskriminierung. Eine Wende zum Besseren brachte die Französische Revolution von 1789. Sie stand ja unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. In ganz Deutschland setzten sich diese Gedanken erst nach der Gründung des Deutschen Reiches durch. Das Gleichberechtigungsgesetz von 1871 hob alle aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte auf.

Keine zehn Jahre später entstand eine Gegenbewegung, die mit dem neuen Begriff „Antisemitismus“ bezeichnet wurde. Neu war an diesem Antisemitismus u.a., dass die ethnische Zugehörigkeit, die „Abstammung“, jetzt wichtiger als die Religionszugehörigkeit erschien. Die „Judenfrage“ wurde als „Rassenfrage“ definiert. Der einzelne Jude konnte diese Probleme für sich nicht mehr mit der Taufe lösen oder umgehen. Schließlich entwickelte sich eine antisemitische „Weltanschauung“. Sie meinte, in den Juden den Schlüssel zum Verständnis und zur Lösung allgemeiner gesellschaftlicher Probleme gefunden zu haben.

Diese Strömung fand zahlreiche Anhänger und es wurden immer mehr. Parteien, Vereine und Verbände propagierten die Ideologie. Hitler und seine Bewegung fanden diese Weltsicht vor und machten sie zu ihrem Programm. Im Parteiprogramm von 1920 forderte die neu gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), Juden von der deutschen Staatsbürgerschaft und damit von allen öffentlichen Ämtern auszuschließen und sie der „Fremdengesetzgebung“ zu unterwerfen.

Kaum hatten Hitler und seine Leute die Macht im Deutschen Reich am 30. Januar 1933 erhalten, begannen die Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Verfolgungen des jüdischen Teils der deutschen Bevölkerung. Eine erste Wegmarke war der Boykott jüdischer Geschäfte, Waren, Ärzte und Rechtsanwälte am 1. April 1933. Das war die erste antisemitische Großaktion seit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1871. Vor den jüdischen Geschäften bauten sich SA- und SS-Leute auf. Sie hatten Plakate dort angebracht und hinderten die Kunden, in diesen Geschäften einzukaufen.

Schon wenige Tage später setzte sich die Diskriminierung der Juden durch Gesetze und Verordnungen fort. Grundlegend war das Gesetz mit dem zynischen Titel „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Das Gesetz hatte einen sog. Arierparagrafen und erklärte jüdische Beamte für entlassen. Ein weiteres Gesetz vom selben Tag veranlasste die Entfernung von Rechtsanwälten aus ihrem Beruf. In der Folgezeit waren auch weitere Berufe von solchen Berufsverboten betroffen.

Die nächste Wegmarke waren die „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935. Mit dem sog. Reichsbürgergesetz erfanden die Nazis den Status des „Reichsbürgers“. Das war der „Vollbürger“, eine bessere Variante des Staatsbürgers. Mit diesem Gesetz und mit einem Schlag nahm man den Juden Rechte weg. Sie wurden zu bloßen Staatsbürgern und damit zu Bürgern zweiter Klasse deklassiert. Damit setzten die Nazis das um, was sie schon 1920 in ihr krudes Parteiprogramm geschrieben hatten. Ein weiteres Nürnberger Gesetz war das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Es erfand den Straftatbestand der sog. Rassenschande.

Immer weiter drängte man die Juden aus dem Wirtschaftsleben, u.a. mit dem Slogan: „Deutsche wehrt Euch, kauft nicht bei Juden!“

Ziel der Rassenpolitik der Nazis war es, die jüdischen Deutschen zur Auswanderung zu drängen. Zahlreiche Juden wanderten tatsächlich seit 1933 auch aus. Aber es war eine schwere Entscheidung. Wer verlässt – und das gilt auch für heute – schon ohne Not sein Heimatland? Die eigene Lage muss schon unerträglich sein, man muss schon keine Perspektive mehr haben, um dann den großen Schritt zu ins Ungewisse zu wagen. Viele konnten sich damals nicht vorstellen, dass die Diskriminierungen so weiter gehen und noch schlimmer werden könnten. Man glaubte, dass sich Hitler nicht lange an der Macht werde halten können oder dass er „gezähmt“ werde. Schließlich – so dachten viele – war Deutschland eine Kulturnation, das „Volk der Dichter und Denker“ – Goethe, Schiller, Kant, Hegel. Einen Zivilisationsbruch hielten sie für unmöglich. Schließlich hatten viele Juden für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg tapfer gekämpft.

Hinzu kam, dass das mit dem Auswandern gar nicht so einfach war. Zum einen konnten die Juden ihren Besitz nicht vollständig mit ins Ausland mitnehmen, sie mussten vieles unter Wert hier verkaufen. Zudem mussten sie für das Auswandern ganz erhebliche Abgaben an den Staat leisten. Zum anderen war es schwierig, ein Land zu finden, das einen aufnahm. Westeuropa kam in Betracht, Frankreich oder auch Holland. Aber denken Sie nur an Anne Frank und Ihre Eltern, das war nicht so einfach. Damals gab es auch noch nicht den Staat Israel. Das Gebiet hieß Palästina und stand unter der Verwaltung der Briten. Das war ein Land im Aufbau und von Landwirtschaft geprägt. Wer von den Städtern hier in Koblenz und anderswo konnte schon Landwirtschaft? Und dann gab es noch die Sprachprobleme. Wer von den deutschen Juden sprach Iwrith, das Neuhebräisch? Oder auch Englisch? Gebildetere Leute damals konnten eher Lateinisch oder Griechisch, aber keine neue Sprache wie Englisch. Deshalb war auch eine Auswanderung in die USA oder etwa nach Südafrika schwierig. Bei den USA kam hinzu, dass es Einreisebeschränkungen gab. Man konnte nur mit einem Affidavit einreisen, mit einer Bürgschaftserklärung eines in den USA Lebenden, dass dieser für den Lebensunterhalt des Betreffenden aufkommt.

Die Kampagne gegen die Juden in Deutschland trieb im Sommer 1938 ihrem Höhepunkt zu. Zur selben Zeit erging eine Verordnung, wonach die Juden zwangsweise die Vornamen „Israel“ bzw. „Sarah“ tragen mussten, sofern ihre bisherigen Vornamen sie nicht ohnehin als Juden auswiesen.

Eine weitere Wegmarke des Unrechtsstaates war dann der Novemberpogrom von 1938. Die Nazis nannten es „Reichskristallnacht“, heute hat sich nicht viel besser der Begriff „Reichspogromnacht eingebürgert. In der angedeuteten Stimmung gegen die Juden hatte ein 17-jähriger, in Deutschland lebender Jude namens Herschel Grünspahn Schüsse auf den Legationssekretär vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris abgegeben. Anlass dafür war, dass die polnischen Eltern des Jungen, die vor vielen Jahren nach Deutschland eingewandert und hier sesshaft geworden waren, Ende Oktober 1938 nach Polen abgeschoben wurden und im Niemands-land zwischen Deutschland und Polen „campieren“ mussten.

Als die Nachricht vom Tod des Legationssekretärs bekannt wurde, mobilisierten Naziführer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall im Land die SA-Ortsgruppen. Zusammen mit SS- und Gestapoleuten sowie auch Nachbarn zündeten sie Synagogen an, zerstörten jüdische Geschäfte und Wohnungen und misshandelten und verhafteten Juden. Der Polizei war verboten, dagegen einzuschreiten, die Feuerwehr durfte nur Häuser der „Arier“ schützen.

Auch in Koblenz wüteten die Nazis. Zerstört wurden 19 Geschäfte und 41 Wohnungen, jüdische Mitbürger wurden misshandelt. Trupps zerstörten die Synagoge hier am Florinsmarkt. In Brand gesteckt wurde sie aus Rücksichtnahme auf die unmittelbar angrenzenden Nachbarhäuser nicht. Aber der Friedhof im Rauental wurde geschändet und die Leichenhalle verwüstet. Etwa 100 Männer wurden in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald verschleppt.

Die Juden mussten die an ihren Geschäften verursachten Schäden auf eigene Kosten wieder beseitigen und außerdem wurde ihnen eine „Buße“ von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt. Weiter war ihnen die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen verboten, die Kinder durften nicht mehr öffentliche Schulen besuchen. Unmittelbar danach begann die systematische Ausbeutung und Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, die „Zwangsarisierung“ jüdischer Unternehmen, Geschäfte usw.

Diese Diskriminierungen und Ausgrenzungen erhöhten den Auswanderungsdruck. Danach flohen noch mehr Juden ins Ausland. Die Nazis und ihre Helfer setzten auch jetzt noch alle Hebel in Bewegung, um die Juden aus Deutschland zu vertreiben – ihr Vermögen aber hier zu behalten. Es war nicht so, dass die National-sozialisten von Anfang an den Holocaust vorhatten oder diesen mit der „Reichspogromnacht“ in Angriff nahmen. Nein, auch jetzt noch wollte man die Juden „nur“ herausekeln und sie loswerden.

Mit der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges wurde die Flucht immer schwieriger, andere Staaten waren immer weniger bereit, flüchtende Juden aufzunehmen. Im Oktober 1941 wurde offiziell eine Auswanderung verboten.

In dieser Zeit, im Spätsommer/Herbst 1941 entschied man sich dann für die Vernichtung der europäischen Juden. – für den Holocaust, die Shoa. Einen ausdrücklichen Befehl darüber hat man bisher nicht aufgefunden. Einen schriftlichen Befehl dazu hat es dazu wohl auch nie gegeben. Es ist aber ganz sicher, dass eine solche wichtige Entscheidung von Hitler persönlich getroffen wurde – ggf. in einem streng geheimen mündlichen Befehl.

In „Ergänzung“ und „Ausfüllung“ dieses Befehls zum Holocaust fand am 20. Januar 1942 die sog. Wannsee-Konferenz statt, in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin. Dort wurde der Völkermord an den europäischen Juden organisatorisch auf den Weg gebracht. Im Protokoll dazu heißt es, dass nunmehr an die Stelle der Auswanderung die sog. Evakuierung nach dem Osten trete. Im Zuge der Endlösung der europäischen Juden kämen rund 11 Millionen Juden in Betracht. Bei der praktischen Durchführung der Endlösung werde Europa von Westen nach Osten durchkämmt.

Zwei Monate später, am 2. März 1942, kam es zur 1. Deportation von Juden aus Koblenz und Umgebung. Mit ihr wurden 338 jüdische Menschen aus Koblenz und Umgebung verschleppt. Betroffen davon waren vor allem Familien. Diese hatte die Koblenzer Gestapo am Tag zuvor in die Turnhalle der Steinschule im Rauental hinbestellt. Von da aus ließ man sie am frühen Nachmittag des 22. März 1942 durch die Stadt zum Güterbahnhof Lützel marschieren. Dort wurden sie in einen Personenzug der 4. Klasse eines Sonderzugs „verladen“. Das Ziel war das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin im damaligen Generalgouvernement.

Eine der Deportierten war die Schülerin Hannelore Hermann. Sie wurde mit ihren Eltern Leopold und Johanna Hermann verschleppt. Die drei wurden – wenn sie den Transport und den Aufenthalt im Ghetto überhaupt überstanden haben sollten – in den folgenden Wochen oder Monaten in den Vernichtungslagern Belzec oder Sobibor mit Motorabgasen ermordet. Von der Familie überlebten nur Hannelores Brüder Kurt und Hans, die noch rechtzeitig aus Deutschland hatten fliehen können.

An ihrem letzten frei gewählten Wohnort in der Johannes Müller-Straße 6 - in der südlichen Vorstadt gegenüber dem Evangelischen Stift St. Martin – erinnern heute Stolpersteine an Hannelore Hermann und ihre Eltern.

 

Am frühen Abend des 9. November gingen mehr als 200 Koblenzer auf Spurensuche. Der Gedenkgang mit Lichtern führte sie von der ehemaligen Synagoge "Bürresheimer Hof" am Florinsmarkt zum Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Reichensperger Platz. Dort und an den Stationen dazwischen lasen Mitglieder des Koblenzer Jugendtheaters aus Zeitzeugenberichten über die Ereignisse in der Pogromnacht 1938. Über beide Veranstaltungen am 9. November berichtete der Koblenzer private fernsehsender "RLP.TV" sehr gut und ausführlich.


Sehen Sie hier die Fotos zu diesem Gedenkgang - mit dem Abschluss am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Reichensperger Platz:

 

 

 

Bildrechte: Förderverein Mahnmal Koblenz 

 

Lesen Sie hier die Texte des Gedenkgangs, die unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig zusammengestellt hatte:

 

Texte für die einzelnen Stationen des Gedenkgangs am 9. November 2018

zusammengestellt von Joachim Hennig


I. Station: Ehemalige Synagoge auf dem Florinsmarkt – Bürresheimer Hof


1. Einleitender Text – Ansager

Nach der Hetzrede des Reichspropagandaministers Goebbels im Hofbräuhaus in München wurden von München aus auch die einschlägigen Stellen in Koblenz zu Zerstörungen und Verwüstungen jüdischer Geschäfte, Wohnungen und Synagogen aufgerufen. Gegen 3 Uhr morgens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten Trupps von SA und SS und Parteimitgliedern die Synagoge hier am Florinsmarkt. Die Einrichtung der Synagoge wurde zerstört, die Scheiben eingeschlagen, die Sitzbänke aus den Fenstern geworfen. Die Nachbarschaft stand an den umliegenden Fenstern und schaute der Zerstörung zu. Anders als viele andere Synagogen in Deutschland wurde diese hier nicht in Brand gesetzt. Das geschah, um die Gebäude in der unmittelbaren Umgebung nicht zu gefährden.

Ein Schüler des Kaiserin-August-Gymnasiums (heute Görres-Gymnasiums) kam am Morgen des 10. November 1938 aus der Schule hierher und sah den in der Nacht angerichteten Schaden. Später berichtete er das folgende:

 

2. Zeitzeugenbericht – Sprecher

An einem Novembertag hieß es in der Schule: Ihr müsst zum Florinsmarkt, dort hat man die Synagoge zerstört. In der großen Pause eilten wir vom Augusta-Gymnasium zum nahen Florinsmarkt. Der Platz war in seinem unteren Teil, zwischen Bürresheimer Hof (dem Sitz der Synagoge) und dem Alten Kaufhaus, mit Trümmern übersät. Ich erinnere mich an Teile von Stühlen und Bänken, an Glas- und Porzellanscherben, an verbeulte Metallkannen. Um diese Trümmer hatte sich eine Menge Schaulustiger versammelt. Keiner sprach ein Wort – ich weiß noch, dass mir diese Stille unheimlich, geradezu gespenstisch vorkam. Überall sah man auch Männer in brauner Uniform mit der roten Hakenkreuzbinde.

Ab und zu flog noch ein Stück Mobiliar aus der Synagoge auf den Platz und zerbarst (dies Krachen und Splittern ist mir bis heute im Ohr geblieben). Ich sah zu den Fenstern der Synagoge hoch. Es waren, glaube ich, zwei hohe runde Doppelfenster, wie es auch Kirchenfenster sind. Die Scheiben waren zerbrochen, etliche Scherben farbigen Glases hingen noch in den Rahmen und klirrten ab und zu – dies Klirren habe ich nicht vergessen und auch nicht, dass ich dachte: es ist eine Kirche, die man zerstört hat.

Das Barockportal, das heute zur Stadtbibliothek und zur Gedenkstätte führt, saß damals auf der Gebäudeseite, wo der Synagogeneingang war. Ich weiß es, weil ich dorthin ging, um einen Blick in die Synagoge selbst zu werfen. Doch vor dem Eingang standen Männer in brauner Uniform mit der roten Hakenkreuzbinde. An dem Portal fiel mir auf, dass im Giebel die Gesetzestafeln Moses gemalt waren: über dem Eingang zur Synagoge standen die Zehn Gebote Gottes. Erst viel später wurde mir mein Empfinden beim Anblick der Moses-Tafeln damals bewusst. Dieser Anschlag gegen den Tempel der Juden ist ein Anschlag gegen Gott selbst.

Beim Verlassen des Florinsmarkts drängte sich mir der Kontrast der zerstörten „Kirchenfenster“ der Synagoge und des großen unzerstörten Westfensters von St. Florin geradezu auf: das Gotteshauses der Juden und des Gotteshauses der Christen.

Was sich mir gleichfalls ins Gedächtnis gegraben hat, war nach unserer Rückkehr in der Schule wie still, wie in sich gekehrt unsere jüdischen Mitschüler unter uns saßen. Als wenn sie nicht mehr zu uns gehörten. Als wenn sie sich, nachdem man ihr Heiligtum zerstört hatte, wie Ausgestoßene vorkämen (obwohl manche von ihnen christlich waren). Keiner von uns, keiner auch der Lehrer, sprach ein Wort von dem, was sich nicht weit von uns zugetragen hatte. Als wenn es nicht geschehen wäre.

Nachmittags besuchte ich einen Freund – er war „Halbjude“ – in der Kastorstraße, in dessen Familie ich wie zu Hause war. Der Vater betrieb einen Zigarettenladen. Das Schaufenster war eingeschlagen (ich musste unwillkürlich an die zertrümmerten Synagogenfenster denken). Im Geschäft war niemand. Ich ging in den hinteren Raum. Dort saßen die Eltern, mein Freund und sein Bruder um den Tisch, saßen stumm, sahen vor sich hin. Nun war ich es, der sich wie ausgestoßen fühlte.

Sooft ich jetzt über den Florinsmarkt gehe, sehe ich die zerschlagenen Synagogenfenster vor mir (nichts im äußeren Bild der Fassade erinnert heute mehr an die Synagoge von ehedem). Höre Glas und Holz auf dem Pflaster zerspringen. Sehe die vielen schweigenden Menschen vor mir. Aber auch die anderen mit den braunen Uniformen und den roten Armbinden. Niemals werde ich unsere jüdischen Schulfreunde vergessen, die in einer seltsamen Einsamkeit, wie alleingelassen, in den Bänken neben uns, mitten unter uns saßen. Niemals vergessen werde auch das Bild meines Freundes und seiner Eltern in dem Raum hinter dem Laden mit der zerschlagenen Schaufensterscheibe.

 

II. Station: Plan 20.

1. Einleitender Text – Ansager

Hier am Plan 20, wo heute das Geschäft „Yasi who…?“ steht, gab es früher ein Miedergeschäft, das von zwei Frauen betrieben wurde. Eine der Frauen war die Jüdin Betty Vogel. Am Morgen des 10. November 1938 ging eine Nichtjüdin mit einem Kollegen zur Arbeit durch Koblenz und kam auch hier vorbei. Später berichtete sie darüber, was sie sah und empfand:


2. Zeitzeugenbericht – Sprecherin

Ich ging eines kühlen und nebligen Novembermorgens um 7.30 Uhr ahnungslos zur Arbeit. Ich bog von der Herz-Jesu-Kirche in die Löhrstraße ein und traf gegenüber dem Kaufhof einen Kollegen.

Ich schaute nach links und sah einen zerstörten Laden. Die Fensterscheiben waren zerbrochen. Ich blickte meinen Kollegen an und rief: „Um Gottes Willen!“ Und dann konnte ich nicht weiter sprechen. Der Schreck saß mir in allen Gliedern. Ich hatte inzwischen noch weitere zerstörte Geschäfte erkannt. Der Kollege sagte: „“Hier ist ja Furchtbares passiert!“ Rechts und links schauend, wurde uns immer deutlicher, dass dieser schreckliche Vorgang, die Zerstörung so vieler jüdischer Geschäfte, ein schlimmes Fanal war.

Als wir in den Plan einbogen, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich wenige Tage vorher dort in einem kleinen Korsettgeschäft eingekauft hatte. Es war in der Absicht geschehen, dem Inhaber oder der Inhaberin meine Sympathie und Solidarität zu zeigen, denn an ihrem Schaufenster prangte das berühmt-berüchtigte weiß-rote Plakat: „Kauft nicht bei Juden!“ Damals war ich spontan in den kleinen Laden gegangen, um mir einen Hüfthalter zu kaufen. Das war meine innere Gegenwehr gegen die diskriminierende Beschriftung gewesen. Da mir die Zeit zum genauen Aussuchen gefehlt hatte – ich musste pünktlich an der Arbeitsstelle antreten -, gab mir die Verkäuferin zwei Hüfthalter mit nach Hause. Ich gab ihr dann 50 Mark, und meine genaue Anschrift wurde in einem Buch vermerkt. Am darauf folgenden Tag hatte ich dann meinen Kauf zu meiner Zufriedenheit getätigt.

Jetzt aber, nach dieser Nacht der Zerstörung, war dieses Geschäft demoliert. Die kleine Türe und das kleine Fenster waren eingeschlagen. Waren lagen noch nicht auf der Straße. Das sollte später folgen.

An meinem Arbeitsplatz angekommen, rief ich sofort das betreffende Geschäft an. Statt der Inhaberin Betty Vogel meldete sich eine Männerstimme. Daraufhin hängte ich ein. Ich wusste, dass es ein Polizeimann sein musste.

Auf meinem Rückweg von der Arbeit sah ich noch mehrere zerstörte jüdische Geschäfte. Mir wurde bewusst, dass dies der Anfang der Vernichtung der Juden war. Die geringe zuschauende Bevölkerung war stumm geblieben. Entrüstete Ausrufe waren nicht zu vernehmen gewesen, aber auch nicht zustimmende. Ich wartete vergebens auf Proteste; die blieben aber aus. Eine gespenstige Atmosphäre hatte über diesem Morgen und diesem Tag gelegen.

 

III. Station: Plan/Ecke Görgenstrasse

 

1. Einleitender Text - Ansager

Hier am Brunnen und am Geschäft Il Conte gab es damals ebenfalls ein jüdisches Geschäft und in der Umgebung weitere. Eine junge nicht-jüdische Frau berichtete später darüber, was sie als 19-jähriges Mädchen am Morgen des 10. November 1938 hier gesehen und gefühlt hat:


2. Zeitzeugenbericht – Sprecherin

Damals war ich 19 Jahre alt. Meine Mutter kam am 10. November 1938 um etwa 7 Uhr an mein Bett und sagte aufgeregt: „Steh auf, Du musst in die Stadt. Den Juden haben sie alles kaputtgeschlagen. Du musst dir das ansehen!“

Ich zog mich an und ging bis zum Plan/Entenpfuhl. Ich eilte durch die Marktstraße zum Plan. In dem Haus, in dem sich heute das Geschäft „Prümm“ befindet (Am Plan 30) waren die Fenster entzweigeschlagen. Die Scherben lagen auf dem Plan. In dem heutigen Fendel-Haus (Entenpfuhl 19) war mir beim Anblick des Vorgefallenen ganz entsetzlich zumute. Die Fenster im 1. Stock waren entzweigeschlagen. Ein Vorhang hing zerfetzt aus dem Fenster heraus. Durch die dunklen Tapeten (grau mit lila) sah das entsetzlich aus. Überall Glasscherben. Man lief über eine Schicht davon. Zerbrochene Stühle, Möbelstücke und Hausgeräte lagen auf dem Boden. Heute noch habe ich das Bild der grauenerregenden Fensterruinen mit der heraushängenden Gardine nicht vergessen und werde es auch nie tun.

Dieser entsetzliche Anblick reichte mir damals. Weil ich nicht mehr davon ertragen konnte, ging ich an diesem frühen Morgen nach Hause zurück.

 

IV. Station: Görgenstrasse 31

 

1. Einleitender Text – Ansager

Hier im Hofbereich vor der Bank ist der „Stolperstein“ für Kurt Rosenblatt verlegt. Hier in der damaligen Görgenstrasse 31 wohnte die Familie Rosenblatt, die Witwe Rosa Rosenblatt und ihre Kinder Kurt und Irene. Frau Rosenblatt hatte im Erdgeschoss ein kleines Textilgeschäft. Die Tochter Irene arbeitete in Köln. Als sie von dem Pogrom hörte, kam sie sofort hier nach Koblenz. Später berichtete sie darüber, was sie hier gesehen und erlebt hat:

 

2. Zeitzeugenbericht – Sprecherin


Meine Familie, die den Namen Rosenblatt trug, wohnte in der Görgenstrasse 31. Meine Mutter, die Witwe war, betrieb im gleichen Haus ein Textilgeschäft, das sich im Erdgeschoss befand. Wir wohnten im Stockwerk darüber. Im Jahr 1938 war ich 23 Jahre alt und arbeitete in einem jüdischen Haushalt in Köln.

Als ich dort von den entsetzlichen Zerstörungen von Synagogen, Geschäften und auch Privathäusern sowie von den unmenschlichen Behandlungen von jüdischen Mitbürgern zum Teil mit Todesfolge hörte, habe ich sofort um meine Mutter und meinen Bruder Kurt in Koblenz gebangt. Sofort am Morgen des 10. November 1938 fuhr ich mit dem Zug in meine Heimatstadt. Mit großem Bangen lief ich zu meinem Elternhaus, und in unserer Wohnung fand ich ein entsetzliches Chaos vor.

Alle Zimmer waren zerstört: die Küche, das Wohnzimmer und die Schlafzimmer. Die Möbel waren mit Gewalt zerstört worden, die Betten aufgeschlitzt, die Lebensmittel unbrauchbar. Ich konnte eigentlich gar nicht begreifen, was da geschehen war und vor allem warum. Fassungslos stand ich vor der unsinnigen Zerstörung in unserem Familieneigentum.

Ich rief nach meiner Mutter. Aber sie antwortete nicht. Wo war sie? Was war mit ihr geschehen? Ich hatte so viel Schreckliches gehört, dass mich nun eine große Angst um meine Familienangehörigen erfasste. Ich lief zu unseren Nachbarn und erkundigte mich. Aber niemand wusste etwas. Sie warnten mich und rieten mir wegzulaufen, weil es hier sehr gefährlich sei. Ich eilte voll Angst zu Freunden und Bekannten. Alle standen unter dem Eindruck dieses wahnsinnigen Tages. Von meiner Mutter wussten sie leider nichts.

Traurig musste ich die Suche aufgeben, mich der Qual der Ungewissheit und Angst überlassen. So verließ ich an diesem trostlosen Tag eine völlig demolierte Wohnung und fuhr nach Köln an meine Arbeitsstelle zurück. Erst später erfuhr ich, dass meine Mutter bei einer Freundin rettenden Unterschlupf gefunden hatte. Sie hatte unsere Wohnung fluchtartig verlassen müssen, als vier SS-Männer eingebrochen waren und wie Wahnsinnige gewütet hatten.

Im nächsten Jahr 1939 reiste ich nach Holland aus. So konnte ich mein Leben retten, während meine liebe Mutter in Theresienstadt und mein Bruder Kurt in Auschwitz ermordet wurden.

 


V. Station: Mahnmal auf dem Reichensperger Platz

 

1. Einleitender Text - Ansager

 

Hier am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus hören wir noch zwei Berichte von jungen jüdischen Frauen, die mit ihren Familien den Novemberpogrom hier in Koblenz erleben mussten, dann aber aus Deutschland noch fliehen konnten – während Eltern im Holocaust, der Shoa ermordet wurden.

Die Tochter von Wilhelm und Jenny Kahn, Margot Sommer, geborene Kahn, berichtete über das Geschehen am frühen Morgen des 10. November 1938 in der elterlichen Wohnung in der Rizzastraße 36. Das ist heute das Hotel Brenner, dort sind auch für die Eltern Kahn „Stolpersteine“ verlegt. Hören Sie den Bericht der Tochter:

 

2. Zeitzeugenbericht – Sprecherin

 

Am 10. November 1938 schellte es gegen 6 Uhr heftig an unserer Wohnung. Ich war damals 18 Jahre alt und öffnete die Tür. Fünf oder sechs mir unbekannte Männer in Zivil standen vor der Tür. Sie hatten Äxte und Hämmer in der Hand. Einer fragte: „Sind Sie Juden?“ Ich antwortete: „Ja.“

Daraufhin zertrümmerte er mit einem Hammer sofort den großen Spiegel im Flur. Dann eilten sie ins Wohnzimmer und stürzten den Bücherschrank um. Sie schlugen heftig auf seine Rückwand und zerstörten sie. Dann stürzten sie ins Schlafzimmer, wo sie auch ihr Zerstörungswerk verrichteten. Die Federbetten wurden aufgeschlitzt, so dass die Federn flogen. Die Männer verteilten sich in die verschiedenen Räume, und je einer zerstörte die dort befindliche Wohnungseinrichtung. Kein Teller blieb erhalten, kein Spiegel, kein Glas. Die Möbel waren fast alle zertrümmert. Es ging alles sehr schnell.

Mein Vater zog eiligst einen Anzug über den Schlafanzug, um überhaupt nach draußen gehen zu können. Er sollte nämlich zur Polizei mitkommen. Wir waren in größter Angst.

In einem Zimmer wohnte als Gast Hermann Mayer, der sehr schwerhörig war. Gegen seine Tür schlug man heftig, aber er öffnete nicht die verschlossene Tür, weil er nichts vernahm. Die Untäter brachen die Tür auf und jagten Herrn Mayer im Schlafanzug auf die Straße und traten ihn dabei brutal.

Zur gleichen Zeit war im gleichen Haus Herr Joseph Schubach am Fenster, um Luft zu holen, weil er herzkrank war. Als er die Abführung meines Vaters und die unmenschliche Behandlung von Herrn Mayer sah, bekam er vor Schrecken und Entsetzen einen Herzschlag und verstarb auf der Stelle. Sein 17-jähriger Sohn Julius Schubach, der sehr religiös und stellvertretender Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde war, führte die Beerdigung am folgenden Tag durch, was für einen Jugendlichen nach jüdischem Brauch eine außergewöhnliche Beanspruchung war.

Die eingedrungenen Männer waren sich nicht klar, ob sie nur Männer oder auch Frauen verhaften sollten. Deshalb nahmen sie meine Mutter und mich mit zur Polizeidienststelle am früheren Kaiser-Wilhelm-Ring (heute: Friedrich Ebert-Ring). Dort fragte ich: „Darf ich meinem Vater Kleider bringen?“ Man erwiderte mir schroff: „Er braucht nichts!“

Darauf wurden wir Frauen entlassen. Wir bangten um unseren Vater und Herrn Mayer, dass sie ins KZ Dachau kommen würden, denn davon war in letzter Zeit die Rede gewesen. Wir gingen zurück und zur Ursulinenschule (heute: Hilda-Gymnasium), wo wir eine Tasse Kaffee erhielten. Dann versuchten wir, im heimischen Chaos etwas Ordnung zu schaffen. Mehr war nicht möglich.

Erst nach fünf Tagen kam Vater aus dem Gefängnis der Gestapo (Vogelsang 1) heraus. Er war im I. Weltkrieg deutscher Soldat gewesen, hatte in Verdun gekämpft, war dort als Frontsoldat schwer verwundet worden, hatte das „Eiserne Kreuz“ erhalten und war bereits fast 60 Jahre alt. Diese Tatsachen hatten ihn noch vor dem KZ bewahrt.

Mein Bruder Rudi, der in Frankfurt auf einer technischen Schule war, kam spät am Abend nach Hause. Nur einen Schlafanzug und eine Zahnbürste brachte er mit. Seinen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen, weil er Angst hatte, im Zug und auf dem Weg nach Hause verhaftet zu werden.

 

3. Einleitender Text – Ansager


Hören Sie zum Abschluss den Bericht von Sally Schlesinger, geb. Kriss, über das Geschehen in der Familienwohnung in der Hohenzollernstraße und auch anderswo in Koblenz:

 

4. Zeitzeugenbericht – Sprecherin

 

Es war ein kalter und trüber Frühmorgen, in dem ich durch einen schrecklichen Lärm im Haus wach wurde. Ich schlief damals in unserem Dienstbotenzimmer, und als ich die Treppen herunterkam, sah ich einige SA-Männer, die meinen Stiefvater und Onkel mit Schlägen auf den Kopf vor sich herjagten. Die beiden Männer bluteten und waren ohne Schuhe, ohne Jacke und nur mit Hosen angezogen.

Unsere Wohnung war ohne Eingangstür, da diese aus Glas bestanden hatte, das jetzt zertrümmert war. Meine arme, kleine Mutter stand im Schlafzimmer, welches auch mit Glasscherben übersät war; es war nicht möglich, sich hinzusetzen; auch das Gehen war gefährlich. Im Esszimmer hatten die SA-Männer scheinbar ihr größtes Vergnügen gehabt. Jedes Glas, jeder Teller war aus dem Büffet herausgerissen und auf dem Boden zerschmettert worden.

Später wurden meine Eltern für den Schaden in der Wohnung unterhalb der unsrigen verantwortlich gemacht – sie mussten bezahlen. (Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.) Der Zustand in der Küche war unbeschreiblich: ein Trümmerhaufen!

Danach konnten wir, meine Mutter, Schwester und ich, nicht in der Wohnung bleiben; und so machten wir uns auf den Weg zu meiner Tante, Möbelhaus Horn, Schlossstrasse. Als wir auf die Straße kamen, blieb ein Herr vor uns stehen (kein Jude) und fragte mit sehr trauriger Stimme: „Waren die Kulturträger auch bei Ihnen?“

Bei Horns waren Wohnung und Geschäft in Ordnung. Deren Sohn Leo war mitgenommen worden. Mit Hilfe der Zionistischen Organisation in Berlin ging er dann nach England.

Zurück nun zu meinem Stiefvater und Onkel, die – wie erwähnt – ohne Schuhe und Jacke aus dem Haus getrieben worden waren. Ich ging zur Polizei, wo man mir keine Auskunft geben konnte (oder wollte?), wohin die Männer verschleppt worden waren. Hilfe kam mir von jemandem, der mir empfahl, mit Schuhen etc. zum Gefängnis zu gehen und dort die Namen anzugeben. – Und tatsächlich nahm der Beamte die Kleidungsstücke an. Die beiden Herren kamen ein paar Tage später nach Hause – nur mit einer Erkältung. Die Beamten im Koblenzer Gefängnis waren scheinbar noch nicht ganz nazifiziert gewesen.

Mit Hilfe der Männer konnten wir dann die Wohnung säubern. Jedes Mal, wenn im Hof die Eimer mit Glas ausgeleert wurden, schauten die lieben Nachbarn aus den Fenstern – keiner im Haus hatte jedoch nur ein paar Worte für uns. Ich weiß nicht mehr genau, wann wir aus der Hohenzollernstraße auszogen, um in die Mainzer Straße zu ziehen, wo wir die Wohnung mit Familie Horn teilten.

Hier möchte ich eine kleine Begebenheit einfügen: Eines Morgens wurde ich durch einen riesigen Lärm wach, und mein einziger Gedanke war: „Sie sind schon wieder da!“ Ich ging ans Fenster und konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass es die Müllabfuhr und Arbeiter waren, die den Lärm verursachten.

Ich blieb nicht lange mit meiner Familie in Koblenz. Im folgenden März fuhr ich nach England. In einem kleinen Dorf arbeitete ich als Köchin; ich konnte mich wohl verständigen – wenn auch keine Konversation betreiben. Die Menschen, alle, waren sehr gütig; meine Gedanken waren jedoch bei meinen Lieben, und ich war sehr einsam.

Den Abschied von meiner Familie werde ich bis an mein Lebensende vor mir haben. Ich glaube, wir waren wie erstarrt. Meine Mutter sagte immer wieder: „Ihr jungen Menschen müsst weggehen – was können die mit uns Alten anfangen?“ Hätten sie es gewusst, hätten sie sich sicher selbst das Leben genommen. Ich habe, als wir hier in New York erfuhren, was in den Lagern passiert, gehofft und gebetet, dass meine Mutter während des Transports stirbt. Leider war dies nicht der Fall – meine Mutter wurde in Izbica bei Lublin ermordet.

Anschließend gingen viele Teilnehmer noch in die Citykirche zum Gedenkgottesdienst.


 

Den Abschluss fanden die Veranstaltungen am 11. November mit der traditionellen Jüdisch-Christlichen Feier im Gemeindesaal der Jüdischen Kultusgemeinde und der Kranzniederlegung am Mahnmal auf dem jüdischen Friedhof. Sehen Sie hierzu die Fotos:

 

 

Musiker des Flötenquartetts

 

Begrüßung durch den Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz Avadislav Avadiev

 

Grußwort des Vorsitzenden der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Wolfgang Hüllstrung

 

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Koblenz David Langner

 

Ansprache von Pater Eric Riechers, SAC, Vallendar

 

Blick in den Zuschauerraum

 

Über die Köpfe der Zuschauer hinweg: Sopranistin Alexandra Turkot

 

Oberbürgermeister David Langner und Vorsitzender Avadislav Avadiev bei der Zeremonie am Mahnmal

 

Der Kranz der Stadt Koblenz

 

Oberbürgermeister David Langner bei der Kranzniederlegung

 

Der Kantor der Kultusgemeinde beim Kaddisch

 

Bildrechte: Förderverein Mahnmal Koblenz 

 

Lesen Sie auch den Artikel unseres stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig über alle Veranstaltungen im "Schängel" Nr. 46 vom 14. November 2018.

 

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