Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Informationen 1999

Der 27. Januar 1999

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begann im Jahr 1999 wieder mit einer Gedenkstunde in der St. Kastorkirche mit Christlich-Jüdischem Gebet. Im Mittelpunkt des Erinnerns stand die Verfolgung der Sinti und auch der Roma, die nach der Rassenideologie der Nazis ein ähnliches Schicksal zu erleiden hatten wie die Juden. Wie unser Förderverein Mahnmal Koblenz schon damals recherchierte, wurden auch aus Koblenz wiederholt Sinti, deutsche „Zigeuner“, widerholt verschleppt. Nach einer „Wegschaffung“ Koblenzer Sinti im August 1938 nach Mitteldeutschland, die dann bald rückgängig gemacht wurde, begannen die Deportationen im Mai 1940 – im Zuge des sog. Westfeldzugs – in das von Hitler-Deutschland besetzte Polen, das „Generalgouvernement“. Im März 1943 fand dann die 1. Große Deportation von Sinti aus Koblenz und Umgebung in das sog. Zigeunerlager im KZ Auschwitz-Birkenau statt. Im April 1944 wurden dann mit einer kleineren Deportation noch einige Sinti-Kinder dorthin verschleppt.

Zur Erinnerung an diese deportierten Sinti-Kinder lasen Anita Awosusi vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg und der Autor Dr. Michael Krausnick „Die Sinti-Kinder von der St. Josephspflege in Mulfingen.

Im Anschluss an die Gedenkstunde gingen die Teilnehmer zum nahegelegenen Gedenkstein für die Sinti und Roma am Peter Altmeier-Ufer. Dort legte Oberbürgermeister Dr. Eberhard Schulte-Wissermann ein Blumengebinde nieder.

 
Presseerklärung in der Rhein-Zeitung vom 25. Januar 1999. Wir bemühen uns um eine Veröffentlichungsgenehmigung des Artikels bei der Rhein-Zeitung gem.DSGVO 

Bericht in der Rhein-Zeitung vom 28. Januar 1999. Wir bemühen uns um eine Veröffentlichungsgenehmigung des Artikels bei der Rhein-Zeitung gem.DSGVO 

Friedrich Erxleben:  „Mut, Leidenschaft, Heiterkeit - das war sein Vermächtnis“.

Der „große“ Widerstand gegen Hitler formierte sich (erst sehr spät) um das Attentat am 20. Juli 1944. Gewisse Beziehungen hierzu hatten Mitglieder des sog. Solf-Kreises. Dieser Kreis plante aber keine Attentate und arbeitete keine Entwürfe für eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung aus. In ihm formierte sich bürgerliche Regimekritik und es entstand ein Netz von „Sympathisanten“ für die Zeit nach Hitler.

Von Joachim Hennig

Zu dem Kreis gehörte auch der Armeepfarrer a. D. und Professor der Philosophie Friedrich Erxleben. Er wurde im Jahre 1883 in Koblenz geboren. Kurz zuvor war sein Vater zugezogen und Teilhaber eines privaten Bankinstituts geworden. Hier besuchte er die Schule bis zum Abitur und ließ sich als Sänger und Violinvirtuose ausbilden. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie in Trier, Wien, Heidelberg, Innsbruck und Rom und anschließender Promotion in beiden Fakultäten war er Priester im Bistum Trier. Als Armee-Oberpfarrer und Divisionspfarrer nahm er am Ersten Weltkrieg teil, wurde zweimal verwundet und war nach dem Krieg in Berlin als Seelsorger tätig. Daneben war er Dozent an den Universitäten Prag und Wien für vergleichende Religionswissenschaften, Professor für alte Sprachen im Jesuitenkolleg in Rom sowie Experte für asiatische Kultur; auch war er ein hervorragender Tenor und Oratoriensänger. Er hatte Freundschaften mit Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, u.a. mit dem „Großstadtapostel“ Carl Sonnenschein, dem 1945 von den Nazis ermorderten Pazifisten Ernst Thrasolt, dem französischen Diplomaten Andre Francois-Poncet, dem liberalen Reichstagsabgeordneten Theodor Heuss und dem Schriftsteller Carl Zuckmayer.

Daneben nahm Friedrich Erxleben regelmäßig an den Teegesellschaften im Hause des ehemaligen Diplomaten Wilhelm Solf teil. Nach Solfs Tod setzte seine Frau Johanna diese Tradition fort. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, der auch vielen Juden und politisch Verfolgten half. Im Laufe der Zeit gelang es der Gestapo, dort einen Spitzel einzuschleusen. Er bezeichnete Erxleben als die „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“. Im Mai 1944 wurde er verhaftet, bei Verhören schwer mißhandelt und, wie er später einen Freund mitteilte, „wochenlang in einen Käfig gesperrt, in dem er weder sitzen, liegen noch stehen konnte“. Dann verlegte man Erxleben ins KZ Sachsenhausen und schließlich in das Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße in Berlin.

Man machte ihm mit anderen Mitgliedern des Solf-Kreises vor dem Volksgerichtshof den Prozeß u.a. wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung; ihm drohte die Todesstrafe. Der Verhandlungstermin wurde wiederholt verschoben, zuletzt - wegen der Bombardierung des Volksgerichtshofs und des Todes seines Präsidenten Freisler, des „Mörders in der roten Robe“ - auf den 28. April 1945. Vier Tage vorher wurde er mit anderen Gefangenen von russischen Truppen aus dem Gefängnis befreit.

1946 kehrte Friedrich Erxleben an Rhein und Mosel zurück und übernahm trotz fortdauernder Schmerzen und Behinderungen im Juni 1946 die Pfarrei in Müden/Mosel. Hier besuchte ihn im Jahre 1949 der erste Bundespräsident der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss offiziell zusammen mit dem Schriftsteller Carl Zuckmayer. Weitere private Besuche folgten. 1951 ließ sich Erxleben in den Ruhestand versetzen und zog nach Linz/Rhein. Er starb 1955 und wurde auf seinen Wunsch im Priestergrab in Müden/Mosel beigesetzt. Das Vermächtnis Erxlebens formulierte sein langjähriger Freund Carl Zuckmayer so: „Mut, Leidenschaft und Heiterkeit“.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 23/24 Januar 1999

 


 

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