Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Michael Böhmer: „... ich war erst zehn Jahre alt...“

Ein ähnliches Schicksal wie die Juden erlitten im ,,Dritten Reich“ die sog. Zigeuner, d.h. die Sinti und Roma. Obwohl sie in den ,,Nürnberger Gesetzen“ von 1935 nicht ausdrücklich erwähnt waren, galten auch sie schon sehr bald als ,,rassisch minderwertig“ in diesem Sinne. Auch ihr Weg führte zur Deportation und in die Gaskammern von Auschwitz.

Von Joachim Hennig

Ein solcher Mitbürger von Koblenz war der 1930 in einem Dorf bei Morbach/Hunsrück geborene Michael Böhmer, geb. Reinhardt. Um die Sintis - Roma gab es im Westen kaum - besser überwachen zu können, konzentrierte man die im hiesigen Raum lebenden in Koblenz. Michaels Familie zog deshalb 1937/38 nach Koblenz in die Wöllersgasse. Damit hörte für den kleinen Michael die Freiheit und Ungebundenheit auf. Durch ,,Rassegutachten" wurde die „Zigeuner-Zugehörigkeit“ festgestellt und aufgrund Himmlers „Festschreibungserlasses“ von Oktober 1939 entstanden die ersten Sammellager. Die Sinti in Koblenz konnten aber wenigstens wohnen bleiben, wenn die Erwachsenen eine feste Arbeit nachzuweisen vermochten.

Ungeachtet dieser Maßnahmen hatte Michael doch einige ganz gute Jahre in Koblenz. Er ging gern zur Schule - er besuchte die Volksschule Bassenheimer Hof - und war stolz darauf, lesen und schreiben zu lernen. Gern wäre er Automechaniker geworden - doch dann kam dieser furchtbare 17. Mai 1940, der alles zerstörte.

Ende April 1940 befahl Himmler die Deportation von 2.500 „Zigeunern“ aus Nord- und Westdeutschland in das von den Nazis besetzte Polen („Generalgouvernement“). In Ausführung des Erlasses wurden etwa 10 in Koblenz lebende ,,Zigeuner“familien ( 77 oder 78 Männer, Frauen und Kinder) aus ihren Wohnungen herausgeholt, in der Thielenschule gesammelt und mit Lastwagen nach Köln transportiert. Dort war die zentrale Sammelstelle für Westdeutschland. Mit den anderen wurde der kleine Michael in Waggons in den Osten deportiert.

Die Familie kam in das Judenghetto nach Chelze. Michaels Vater, sein älterer Bruder und er selbst mußten in einem Steinbruch arbeiten. Sein Bruder und seine Schwester bekamen bald (Hunger-)Typhus und hatten keine Chance, damit im Ghetto zu überleben. Der l0jährige Michael mußte wie ein Erwachsener arbeiten, er litt sehr unter Hunger und der harten und schweren Arbeit. Wahrscheinlich war es aber seine Fähigkeit zu arbeiten, die ihn vor dem Tod bewahrte. lm Winter 1944/5 wurde er von den Russen befreit.

Michael Böhmer kehrte dann nach Koblenz zurück. Während sich seine Verwandten hier wieder niederließen, zog er bald mit seiner Ehefrau nach Darmstadt.

Seine Frau und ihre Familie waren Opfer der zweiten Deportation der Sinti und Roma geworden. Sie wurden wie viele andere auch aufgrund des ,,Auschwitz-Erlasses" Himmlers von Dezember 1942 in das KZ Auschwitz deportiert. Dort, in einem Teilbereich des KZ Auschwitz-Birkenau, war ein spezielles „Zigeunerlager“ eingerichtet worden. In ihm sind bis zu seiner „Liquidation“ im August 1944 etwa 30.000 Sinti und Roma umgebracht worden, darunter auch Frau Böhmers ganze Familie. Dem Tod entrann sie nur, weil die NS-Kriegswirtschaft sie als „Arbeitssklavin“ ausbeuten konnte. Man verschleppte sie ins Frauen-KZ Ravensbrück und dann zu Zwangsarbeit bei den „Arado“-Werken in Wittenberg/Elbe. Dort mußte sie Flugzeugteile zusammenbauen.

Michael Böhmer lebt seit vielen Jahren als kranker Mann und mit einer sehr kleinen Rente zusammen mit seiner Frau in Darmstadt. Frau Böhmer bemüht sich zur Zeit um eine Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit. Ob und ggfls. wann sie Erfolg haben wird?

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 20. Januar 1999

 


 

Dr. Arthur Salomon und Dr. Isidor (Josef) Treidel: "Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung"

Hier war bisher lediglich von Einzelpersonen die Rede, die als Gegner des Nationalsozialismus dessen Opfer wurden. Von einer anderen Art war die Verfolgung der Juden. Sie wurden in einer unfaßlich großen Zahl Opfer der Nazis allein weil sie Juden waren. Sie waren nach der NS-Ideologie - da "rassefremd" - Feinde des "deutschen" Volkes - dabei waren sie vielfach "deutscher" als die Nazis selbst.

Von Joachim Hennig

In Koblenz lebten 1933 669 Juden, das war ziemlich genau ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Zwei von ihnen waren die Rechtsanwälte Dr. Arthur Salomon und Dr. Isidor (Josef) Treidel. Der 1887 in Mayen geborene Kaufmannssohn Treidel war schon vor dem Ersten Weltkrieg beim Land- und Amtsgericht Koblenz zugelassener Rechtsanwalt. Dann war er Kriegsteilnehmer und erhielt das EK II mit Ehrenkranz als Frontkämpfer. Der 1896 geborene Salomon stammte aus dem Bonner Raum, war ebenfalls Kriegsteilnehmer und dekorierter Frontkämpfer. Er ließ sich 1926 in Koblenz als Rechtsanwalt nieder.

Für beide begann das „Dritte Reich“ mit dem zentral gelenkten "Judenboykott" am 1. April 1933, in dem u.a. zur Meidung jüdischer Rechtsanwälte aufgefordert wurde. Die im selben Monat erlassenen Gesetze, die den "Arierparapraphen" einführten, brachten das berufliche Aus für eine beträchtliche Zahl jüdischer Juristen, auch in Koblenz. Als Frontkämpfer waren Dr. Treidel und Dr. Salomon als einzige davon nicht betroffen. Sie konnten weiterarbeiten, wenn sie auch starken Reglementierungen unterworfen waren. Im Zuge der "Nürnberger Rassengesetze" von 1935 riefen die Nazis - etwa aufgrund der "Koblenzer Judenliste" - zum Boykott auf, speziell war es ihnen verboten, staatliche und kommunale Stellen zu vertreten. Auch wurden sie streng beobachtet und denunziert. 1937 meinte ein Justizangestellter bemerkt zu haben, daß Dr. Salomon "provozierend" mit "Heil Hitler" gegrüßt habe - was er als Jude gar nicht durfte. Sogleich erhob er Beschwerde beim Landgerichtspräsidenten, weil "es nicht angeht, daß sich jüdische Rechtsanwälte heute noch so frech benehmen." Während dies noch im Sande verlief, brachte eine Verordnung im Oktober 1938 das Berufsverbot für die noch tätigen jüdischen Rechtsanwälte. Dr. Salomon und Dr. Treidel waren nur noch "Konsulenten", die ausschließlich die verbliebenen Juden vertreten durften.

Wenig später hinterließ die sog. Reichspogromnacht tiefe Spuren bei den beiden. Dr. Treidel wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis sehr mißhandelt. Am gleichen Tag kam Dr. Salomon mit vielen jüdischen Männern ins Konzentrationslager Dachau und wurde erst kurz vor Weihnachten 1938 wieder entlassen.

Inzwischen waren die Juden fast aller Rechte und Annehmlichkeiten beraubt. Im Oktober 1941 hatten die ersten Deportationen begonnen und die "Wannsee-Konferenz" hatte im Januar 1942 die Einzelheiten für die "Endlösung der Judenfrage" festgelegt. Am 22. März 1942 ging der erste Transport von insgesamt 337 Juden von Koblenz in das KZ Izbica bei Lublin ab. Dr. Salomon war zusammen mit seiner Familie einer der ersten Opfer. Tags zuvor zeigte er dem Landgerichtspräsidenten in Koblenz noch ordnungsgemäß an, "daß er wegen seiner Evakuierung seinen Beruf aufgebe". Seine Akten, Register u.a. übergab er Dr. Treidel. Dieser wurde - zusammen mit seiner Ehefrau - ein gutes Jahr später von Koblenz nach Theresienstadt deportiert. Dr. Salomon und seine Familie und Dr. Treidel und seine Ehefrau sind einige der mindestens 576 Juden aus dem Stadt- und Landkreis Koblenz, die für einen aberwitzigen Rassenwahn ihr Leben lassen mußten.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 16/17. Januar 1999 


 

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