Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Aufsatz von Joachim Hennig  (zusammen mit Renate Gries):

„Kontinuität und Wandel im preußischen Beamtentum – Zur Erinnerung an Dr. Wilhelm Guske (1879 – 1957)“, in:

Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 2006, S. 397 – 468. HIER lesen

Lustig war das Zigeunerleben nie

Joachim Hennig stellte sein Erinnerungsbuch über Daweli Reinhardt in Lehnitz vor.


"Was für eine Veranstaltung!", zeigte sich am Samstagnachmittag Cornelia Berndt, die Leiterin der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte, beeindruckt. Nicht nur, dass die Buchvorstellung fast drei Stunden beanspruchte, sondern dass sie aus einer Geschichtsstunde, einer Lesung und einer Filmvorführung bestand. Und damit die etwa fünfzehn Besucher dieser Mammutstrecke gewachsen waren, gab es eine Pause, in der Kaffee und. kalte Getränke bereitstanden. Außergewöhnlich war auch der Referent des Nachmittags, der zusammen mit seiner Frau aus Koblenz angereist war.
Als Richter am Oberverwaltungsgericht stellte sich Joachim Hennig vor und als jemand, der sich als stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus Koblenz" dafür einsetzt, dass die Schrecken dieser Zeit nicht vergessen werden. So entstand die Dauerausstellung " Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung", in der fünfzig Einzelschicksale dokumentiert werden und in der auch der in Neuwied, geborene Friedrich Wolf aufgenommen werden sollte.
Also rief Joachim Hennig vor etwa einem Jahr in der Lehnitzer Friedrich-Wolf-Gedenkstätte an und bat Cornelia Berndt um entsprechendes Material. Sie wiederum erfuhr in diesem Zusammenhang von dem Erinnerungsbuch "Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben", das Joachim Hennig aus Gesprächen mit der Titelfigur verfasst und zu einem beeindruckenden Ausschnitt jüngster deutscher Geschichte aufgearbeitet hat.
Daweli Reinhardt, der heute 74 Jahre alt und nicht mehr gesund ist, stammt aus einer weit verzweigten Musiker-Familie. Eine nahe Verwandtschaft zu dem legendären Ausnahmegitarristen Django Reinhardt, so erzählt Daweli in dem Buch, sei ebenso wenig feststellbar wie zu Schnuckenack Reinhardt, in dessen bekanntem Swing-Quartett er jahrelang die Sologitarre spielte.
Denn der Name "Reinhardt" wäre sehr verbreitet unter den Sinti. Und damit ist das Stichwort gefallen, das zum Schicksal von Daweli Reinhardt wurde.
Als Zehnjährigen deportierte man ihn 1943 zusammen mit 148 Koblenzer Sinti nach Auschwitz-Birkenau, da das Leben von "Zigeunern" unter den Nazis ebenso wie das der Juden und anderer Gruppen als unwert galt.
Vor diesem Hintergrund schilderte Joachim Hennig zunächst die Geschichte der Sinti und Roma, die er bis 1407 zurückverfolgte, als sie das erste Mal, vermutlich aus Indien kommend, in der Nähe von Hildesheim auftauchten. Das Leben der Zigeuner sei stets von Verfolgungen geprägt gewesen, die unter dem NS-Regime ihren Höhepunkt erreichten. Der junge Daweli Reinhardt mit der eintätowierten, noch heute lesbaren Häftlingsnummer "Z 2252", überlebte die Schrecken von Ravensbrück, von Sachsenhausen und die des Todesmarsches. Nach Koblenz zurückgekehrt, sind es seine Gitarre und die Musik, die ihm seine Lebensfreude zurückgeben. Schon 1953 mit einer Reinhardt Combo oder in den sechziger Jahren mit einem Reinhardt Trio machte er Tanzmusik, aber mit dem 1967 gegründeten Schnuckenack-Reinhardt-Quintett erlebte er seine größten Erfolge. Und das, obwohl er, wie seine Brüder und später seine Söhne sowie Enkel nie eine Ausbildung, sondern ganz einfach Musik im Blut hat.
Presseartikel von Neue Oranienburger Zeitung und Märkische Allgemeine jeweils vom 24. Juli 2006
 

 
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