Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Wieder „Heimatbesuch“

Auch in diesem Sommer besuchten wieder ehemalige jüdische Koblenzer ihre alte Heimat. Diese Heimatbesuche haben eine lange Tradition, die bis in die 1980er Jahre zurückgeht. Immer wieder kommen diese früheren, in Koblenz und Umgebung verfolgten und geflohenen jüdischen Bürger gern an Rhein und Mosel, um ihre alte Heimat wieder zu sehen, Freunde zu treffen und Informationen auszutauschen.

Auch an ihnen geht aber die Zeit nicht spurlos vorüber. Viele der früheren Gäste sind heute nicht mehr unter uns, anderen ist der Weg aus den USA und Israel nach Koblenz zu beschwerlich und anstrengend. Immerhin setzten in diesem Jahr vier Besucher diese gute Tradition fort: die drei ehemaligen Koblenzer Werner Appel, seine Schwester Ruth Homrighausen und Tami Blattner geb. Taubin, sowie Lea Sassoon, die in Vallendar ihre Wurzeln hat.

Am Montag, dem 24.06.2013, stellte sich Werner Appel wieder als Zeitzeuge in der Bischöflichen Realschule, Koblenz, zur Verfügung. Das Gespräch war von Frau Kruppa erneut gut vorbereitet.

Werner Appel im Kreis der Schüler mit Fr. Kruppa

Am Nachmittag trafen sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Vertreter des Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit, Vertreter des Fördervereins Mahnmal Koblenz und die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Koblenz zu einer Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof in der Schwerzstraße.

Im Anschluss daran hielt Lea Sassoon einen Dia-Vortrag über die Entstehung und Geschichte der Stadt Tel Aviv. Der Dienstag war für den Besuch des Geysirs in Andernach vorgesehen. Es war für alle ein unvergessliches Erlebnis. Am Mittwoch empfing der Oberbürgermeister der Stadt Koblenz, Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig, die Gäste, diesmal im Weindorf Koblenz.

Der Donnerstag stand zur freien Verfügung. Am Abend trafen sich die Gäste auf Einladung von Achim Hennig vom Förderverein Mahnmal Koblenz in einer Weinstube in Koblenz-Güls. Es war für alle wieder ein erlebnisreicher Abend mit vielen guten Gesprächen.

Gemütliches Beisammensein der "Heimatbesucher" mit den Eheleuten Zielinski und Hennig in den Gülser Weinstuben

Am Freitagvormittag besuchte die kleine Gruppe die Berufsbildende Schule Wirtschaft Koblenz. Die Schülerinnen und Schüler waren zu einem Gespräch mit mehreren Zeitzeugen eingeladen. Teilnehmer der Runde waren der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz Dr. Heinz Kahn (*1922), Werner Appel (*1928) die frühere Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin Roswitha Verhülsdonk (*1927) und die Studiendirektorin a. D. Martin (* 1928).

Sie berichteten über das Leben und Überleben in der NS-Zeit, vom Alltag und von den Nöten. Die beiden Zeitzeuginnen brachten den Schülerinnen und Schülern nahe, wie sich das System des Nationalsozialismus bis in den Alltag, in die Familie und Jugendgruppe ausbreitete, Zustimmung und „Mitmarschieren“ verlangte – ansonsten drohten Nachteile und Repressionen. Deutlich wurde sehr bald, dass die Jugend von Heinz Kahn und Werner Appel von Diskriminierung und Verfolgung geprägt war. Während Werner Appel sein Überleben in Koblenz schilderte, berichtete Heinz Kahn von der eigenen Deportation und der seiner Familie und der Selektion auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau, die er als einziger seiner Familie überlebte.

Alle Zuhörenden waren von den Schilderungen zutiefst beeindruckt. Die verschiedenen Lebensbilder machten ihnen deutlich, wie menschenverachtend und totalitär das NS-Regime war, dass diejenigen, die sich nicht anpassen wollten oder – wie die Juden - nicht anpassen konnten, ausgegrenzt, verachtet und oftmals verfolgt und ermordet wurden. Die Zeitzeugen warben eindringlich für unsere Demokratie, ihre Werte, Strukturen und Organisationen, damit sich diese Geschichte – so oder ähnlich – nicht wiederholt.

Von links: W. Appel, Fr. Verhülsdonk, Dr. Kahn, Fr. Martin, Lehrerin Fr. Schmelzer

Nach diesem anstrengenden Termin traf man sich nachmittags bei Kaffee und Kuchen im Hotel Brenner. Anschließend besuchten die Gäste den Gottesdienst in der Synagoge, der mit dem Kiddusch endete.

Der Heimatbesuch klang am Samstag mit dem Schabbat-Gottesdienst in der Koblenzer Synagoge aus. Für die ehemaligen jüdischen Bürger waren es wieder interessante und erlebnisreiche Tage. Alle waren sich einig, dass sie – wenn die Gesundheit es zulässt – im nächsten Jahr wiederkommen zum Heimatbesuch in Koblenz.

 


 

 

Neue „Stolpersteine“ werden verlegt

Die Verlegung von „Stolpersteinen“ im Stadtgebiet wird mit einer weiteren Aktion fortgesetzt. Am Freitag, dem 30. August 2013, verlegt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig sechs neue „Stolpersteine“. Das ist die 7. Aktion dieser Art in Koblenz. In den vorherigen Aktionen wurden beginnend ab dem 27. Januar 2007 bereits mehr als 87 „Stolpersteine“ gesetzt. Diese kleinen „Mahnmale“ auf den Bürgersteigen der Stadt erinnern an die verschiedensten Opfer, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden und dann umkamen.

Unter Federführung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz und in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. eröffnet Oberbürgermeister Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig die Verlegung um 16.00 Uhr am Haus Friedrich-Ebert-Ring 39. Dort werden zwei „Stolpersteine“ verlegt für den jüdischen Arzt Dr. Hugo Bernd und seine Frau Senta, geb. Fuchs.

Die Vorfahren Hugo Bernds lebten seit mehreren Jahrhunderten im Rheinland. Dein Vater gründete in Koblenz das Möbelhaus Bernd.

Familie Hugo BerndDer 1879 geborene Sohn Hugo machte 1899 am Kaiserin-Augusta-Gymnasium (heute: Görres-Gymnasium) Abitur und studierte Medizin. Als Kriegsteilnehmer wurde er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse (EK I) ausgezeichnet. Viele Jahre war er in Koblenz Facharzt für HNO und für Sprachstörungen. Er und seine 1888 geborene Frau Senta ließen sich evangelisch taufen, ebenso seine Schwester Gertrud (*1882). Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete Gertrud ein zweites Mal, den “Arier” Fritz Poeschmann. Dieser übernahm das Möbelhaus Bernd. Hugo und Senta Bernd hatten drei Kinder: Rolf (*1913), Beate (*1915) und Hans Reiner (*1929).

Sohn Rolf verboten die Nazis schon früh, als Musiker weiter aufzutreten. Er emigrierte und starb 1940 in den USA.

Im Jahr 1938 konnten die Bernds und Fritz Poeschmann das Möbelhaus nicht mehr in ihrem Besitz halten. Unter Druck wurde es „arisiert“. Der „arische” Prokurist der Firma, der von den Voreigentümern der Firma durchaus geschätzt war, übernahm das Geschäft.

Anlässlich der „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 nahm die Gestapo Hugo und Senta Bernd fest, entließ sie nach einigen Tagen aber wieder.

Als Frontkämpfer des I. Weltkrieges fühlte sich Hugo Bernd sicher, sorgte aber dafür, dass Sohn Hans Reiner und Tochter Beate noch vor Beginn des II. Weltkrieges nach England emigrieren konnten. Bei der ersten Deportation von Juden aus Koblenz im Frühjahr 1942 betreute Dr. Bernd die Betroffenen, war pausenlos im Einsatz, versorgte die Patienten, besorgte Medizin und half, wo er konnte.

Mit der 5. Deportation am 2. März 1943 wurden die Eheleute Hugo und Senta Bernd von Koblenz aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort in den Gaskammern ermordet.

Das Möbelhaus Bernd in Koblenz hat mit den Bernds nur noch den Namen gemeinsam.

Im Anschluss an diese Verlegung wird in der Roonstraße 6 der „Stolperstein“ für Adolf Duckwitz gesetzt.

Adolf DuckwitzDer 1873 in Koblenz geborene Adolf Duckwitz machte am damaligen Realgymnasium (heute: Eichendorff-Gymnasium) Abitur, erhielt seine berufliche Ausbildung im Bankwesen und studierte Wirtschaftswissenschaften. In der Weimarer Republik war er langjähriger Verlagsdirektor und Herausgeber des Koblenzer General-Anzeigers und Geschäftsführer der Krabbenschen Buchdruckerei, Außerdem war er Aufsichtsratsvorsitzender der Rhenser Mineralbrunnen AG, der neuen Selterser Mineralquell AG sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Buchdruckervereins, des Vereins Deutscher Zeitungsverleger und anderer Fachvereinigungen. Duckwitz geriet sehr schnell in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten, die sofort nach der Machtübernahme im Jahr 1933 daran gingen, die Presse „gleichzuschalten“. Dabei war ihnen der dem Zentrum nahe stehende Koblenzer General-Anzeiger ein Dorn im Auge, hinzu kam Duckwitz´ Einfluss im Verbandswesen der Zeitungsverleger. Seit 1933 war er Verunglimpfungen ausgesetzt, die sich immer mehr steigerten. Diffamiert wurde er auch deshalb, weil er Meister vom Stuhl der Koblenzer Freimaurer-Loge war. Mitte der 1930er Jahre kam es dann soweit, dass die Nazis Duckwitz mit Hilfe der Justiz strafrechtliche Verfehlungen nachweisen wollten. Er wurde verhaftet, in Untersuchungshaft genommen und angeklagt. Es sollte ein politischer Schauprozess gegen ihn und andere werden. Die Nazi-Presse berichtete immer wieder sehr ausführlich und grob ehrverletzend über Duckwitz und andere Angeklagte. Während der Untersuchungshaft wurde er schwer krank, so dass nichts anderes übrig blieb, als ihn in ein Krankenhaus zu überführen. Als seine Rückführung ins Gefängnis unmittelbar bevorstand, wählte Adolf Duckwitz am 12. Oktober 1936 den Freitod. Er hinterließ Frau und zwei Kinder.

Die nächste Station der Verlegung ist die Südallee 2. Dort wird an den Koblenzer Medizinalrat Dr. Paul Kolf erinnert. Kolf war Arzt und Medizinalrat, als Beamter war er der NSDAP beigetreten. Im Jahr 1938 konnte die Koblenzer Gestapo auf Anfrage noch mitteilen, dass er in „politischer, strafrechtlicher und spionagepolizeilicher Hinsicht nicht in Erscheinung getreten (ist)“. Das änderte sich aber im Zuge des II. Weltkrieges. Im Sommer 1943 wurde er von einem Nachbarn darauf angesprochen, dass er bei den Luftangriffen nicht richtig verdunkle. Darauf erklärte Kolf dem Nachbarn, die ganze Verdunklung sei doch Unsinn. Bald käme es hier wie in Italien (wo nach einem Staatsstreich Mussolini entlassen und ein Waffenstillstand geschlossen worden war). Hitler würde von seinen Generälen abgesetzt und in vier Wochen sei der Krieg zu Ende. Dann gab noch ein Wort das andere. Der Nachbar denunzierte Kolf daraufhin bei der Koblenzer Gestapo. Dieser kam in Haft und man machte ihm einen Strafprozess. Der Volksgerichtshof mit dem Präsidenten Roland Freisler verurteilte ihn wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode. Ein Gnadengesuch führte insoweit zum Erfolg, dass der Strafausspruch in eine achtjährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Die Strafe verbüßte Kolf in einem Zuchthaus in Regensburg. Kurz nach der Befreiung starb Paul Kolf an den Folgen der Haft.

Der nächste „Stolperstein“ wird in der Weißergasse 27 für Walter Hübinger verlegt.

Gebrüder Walter und Wilhelm Hübinger

 

Der 1910 geborene Walter Hübinger war wie sein älterer Bruder Wilhelm Lehrhauer und arbeitete in der Grube Mühlenbach in Arenberg. Er geriet in das Fadenkreuz der Nazis, weil er angeblich mehrmals ohne ersichtlichen Grund der Arbeit fern geblieben war. Deshalb wurde er am 30. November 1939 von der Gestapo Koblenz verwarnt. Für den Fall, dass er erneut grundlos nicht zur Arbeit erschien, wurde ihm die Verschleppung in ein Konzentrationslager angedroht. Am 26. Februar 1940 wurde er erneut wegen „Arbeitsbummelei“ staatspolizeilich verwarnt. Nachdem er bald darauf zwei Wochen lang nicht zur Arbeit erschienen war, nahm ihn die Gestapo von Koblenz am 23. April 1940 fest. Auf ihren Antrag hin ordnete das Reichssicherheitshauptamt in Berlin seine Überführung in ein Konzentrationslager an. Mitte Oktober 1940 wurde er ins KZ Sachsenhausen bei Berlin verschleppt, wo er am 16. Oktober 1940 eintraf. 3 ½ Monate später, am 31. Januar 1941, starb dieser kräftige und starke Steinhauer angeblich an Herz- und Kreislaufinsuffizienz.

Der letzte „Stolperstein“ der 7. Aktion wird in Metternich in der Neugasse 22 verlegt.

Johann DötschDieser Stein ist dem Koblenz-Metternicher Johann Dötsch gewidmet. 1890 im damals noch selbständigen Metternich geboren, absolvierte er eine Maurerlehre. Nach dem I. Weltkrieg, in dem er Berufssoldat war, heiratete er seine Frau Anna, geb. Allscheid, und trat in die SPD und in die Gewerkschaft ein. Über den Ortsverein Metternich arbeitete er sich zum Parteisekretär und Vorsitzenden des Unterbezirks Koblenz der SPD hoch. Von 1929 bis 1933 war Dötsch Mitglied des Provinziallandtages der Rheinprovinz.

Nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 und dem Verbot der SPD am 22. Juni 1933 kam Johann Dötsch vorübergehend in „Schutzhaft“. Im selben Jahr wurde er noch einmal kurzzeitig festgenommen. Notgedrungen musste er sich beruflich neu orientieren. Er wurde Handlungsreisender in Seifenartikeln, außerdem war er Obstbauer. Dötsch stand unter Überwachung der Gestapo in Koblenz. Obwohl er zu Beginn des II. Weltkrieges als Hauptmann der Reserve einen Einberufungsbefehl zur Wehrmacht hatte, wurde er überraschend von der Gestapo Koblenz verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin verschleppt. Das geschah aufgrund der sog. A-Kartei-Aktion, bei der zu Kriegsbeginn „vorsorglich“ etwa 850 frühere SPD-Funktionäre und Gewerkschafter in KZ verbracht wurden (damit sie den Weltkrieg nicht „sabotieren“ und Unruhe bringen konnten).

Kurz vor Kriegsende kam Johann Dötsch mit ca. 33.000 gequälten und halb verhungerten Häftlingen vom KZ Sachsenhausen auf den „Todesmarsch“ in Richtung Ostsee. Am 2. Mai wurde er mit den anderen überlebenden Häftlingen in der Nähe von Schwerin befreit. Er war von den Leiden seiner Haft schwer gezeichnet und konnte erst im Oktober 1945 nach Koblenz-Metternich zurückkehren. Dötsch war Mitbegründer der SPD in Koblenz. Am 2. Januar 1946 wurde er Präsidialdirektor („Minister“) für Arbeit und Soziales der kurzzeitig bestehenden Provinz Rheinland/Hessen-Nassau. Schon am 2. Oktober 1946 starb Johann Dötsch in Koblenz an einem Herzleiden, das er sich im KZ Sachsenhausen zugezogen hatte.

Interessierte sind herzlich eingeladen, an den einzelnen Stationen an den Verlegungen teilzunehmen.

 


 

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