Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Der 27. Januar 2013

 

Presseerklärung des Fördervereins Mahnmal Koblenz
zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz am 27. Januar 2013

Wie jedes Jahr erinnert der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. in Kooperation mit der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit und der Stadt Koblenz an die NS-Opfer aus Koblenz. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltungen zum nationalen Gedenktag am 27. Januar 2013 steht die Opfergruppe der Sinti. Konkreter Anlass für das Erinnern an sie sind zwei Jahrestage. Am 16. Dezember 2012 jährte sich zum 70. Mal der sog. Auschwitz-Erlass Heinrich Himmlers und am 10. März 2013 wird sich zum 70. Mal die erste Deportation der Sinti in das sog. Zigeunerlager des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau jähren.

 

Etwa ein Jahr nach Beginn der systematischen Judendeportationen „in den Osten“ und damit in die Vernichtung ordnete der „Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei“ Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 an, 23.000 „Zigeuner“ aus Europa nach Auschwitz zu deportieren. Wie der höchstwahrscheinlich zuvor gegebene Befehl zum Völkermord an den europäischen Juden ist auch dieser Auschwitz-Erlass Himmlers nicht überliefert. Aus dem Schnellbrief des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) vom 29. Januar 1943 an die Kriminalpolizeileitstellen erschließt sich aber dessen Inhalt. In dem Schnellbrief heißt es:

 

„(…) Auf Befehl des Reichsführers-SS vom 16. Dezember 1942 (…) sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dieser Personenkreis wird im nachstehenden kurz als „zigeunerische Personen“ bezeichnet. Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz. (…) Die künftige Behandlung der reinrassigen Sinte- und der als reinrassig geltenden Lalleri-Zigeuner-Sippen bleibt einer späteren Regelung vorbehalten. (…) Die Familien sind möglichst geschlossen, einschließlich aller wirtschaftlich nicht selbständigen Kinder, in das Lager einzuweisen. Soweit Kinder in Fürsorgeerziehung oder anderweitig untergebracht sind, ist ihre Vereinigung mit der Sippe möglichst schon vor der Festnahme zu veranlassen. In gleicher Weise ist bei Zigeunerkindern zu verfahren, deren Eltern verstorben, im Konzentrationslager oder anderweitig verwahrt sind. (…).“

 

Himmlers Befehl war die letzte Etappe auf dem Weg zum Völkermord an den Sinti und Roma im „Altreich“. Zuvor waren bereits Tausende Roma in den besetzten Gebieten in Ost- und Südosteuropa ermordet worden. Bereits im August 1938 hatte die Koblenzer Polizei bei dem „Zigeunerschub von der Westgrenze“ Sinti nach Mitteldeutschland verschleppt, sie dann aber bald zurückkehren lassen müssen. Bei der Mai-Deportation der Sinti im Rahmen des „Westfeldzuges“ wurden knapp 80 Sinti aus Koblenz in das von Deutschland besetzte Polen, in das Generalgouvernement, deportiert.

 

Die Auswahl der Deportationsopfer im Jahr 1943 nahmen erneut die vor Ort mit der „Zigeunerfrage“ befassten Polizisten und Gemeindebeamten vor. Ziel war Auschwitz-Birkenau. Dort war der aus 32 Wohnbaracken und sechs Sanitätsbaracken bestehende Bereich „B IIe“ als „Zigeunerfamilienlager“ eingerichtet worden. Die Deportationen aus dem Rheinland begannen auf der Grundlage des erwähnten Schnellbriefs vom 29. Januar 1943 am 2. März 1943.

 

Am 10. März 1943 wurden auch die Sinti aus Koblenz und Umgebung deportiert. Insgesamt waren es 149 Personen, Männer, Frauen und Kinder. Sie waren – oft aufgrund Himmlers „Festschreibungserlasses“ von 1939 gezwungenermaßen in Koblenz ansässig geworden. Zuvor waren sie für die Deportation in Koblenz zusammengepfercht worden. Einer von ihnen war der damals zehnjährige Daweli („Alfons“) Reinhardt aus Koblenz.

 

Daweli und seine Familie kamen mit insgesamt ca. 23.000 „Zigeunern“ aus Europa nach Auschwitz. Dort musste er viel erleiden. Mit Geschick und Glück überlebte er wie seine Eltern und die meisten seiner Geschwister diese Qualen, Schikanen und Erniedrigungen. Sehr viele andere starben in den nächsten Monaten an Hunger, Seuchen, Gewalt und Menschenversuchen vor allem des berüchtigten SS-Lagerarztes Dr. Josef Mengele mit seiner „Zwillingsforschung“. Nach Schätzungen von Historikern fielen diesem Völkermord Sinti und Roma in einer Größenordnung von mehr als 100.000 Menschen zum Opfer. Ihre Interessenvertretung in Deutschland, der Zentralrat deutscher Sinti und Roma, geht demgegenüber von einer fünfmal höheren Zahl, von 500.000 Opfern, aus.

 

Aus Anlass dieser Gedenktage zeigt der Förderverein Mahnmal Koblenz vom 16. Januar bis 6. Februar 2013 im Rathaus Koblenz, Jesuitenplatz, Eingang Tourist-Information die Wanderausstellung des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma „’Die Überlebenden sind die Ausnahme’ – Der Völkermord an Sinti und Roma“. Die Ausstellung wird ergänzt durch einige Biografien Koblenzer Sinti. Eröffnet wird die Ausstellung am Mittwoch, dem 16. Januar 2013, um 18.00 Uhr. Am Sonntag, dem 27. Januar 2013, beginnt das öffentliche Gedenken für die NS-Opfer aus Koblenz und Umgebung mit der Statio am Mahnmal auf dem Reichensperger Platz um 17.30 Uhr. Um 18.00 Uhr schließt sich in der Christuskirche am Friedrich-Ebert-Ring die Gedenkstunde mit christlich-jüdischem Gebet an.

 

 

Lesen Sie HIER einen Pressebericht von Blick Aktuell

Lesen Sie HIER einen Pressebericht vom Koblenzer "Schängel"

Lesen Sie HIER einen Pressebericht von der Rhein Zeitung

 

 


Erzählcafé zu Hugo Salzmann am 20. März 2013 mit Julianna Salzmann, Joachim Hennig und einer kleinen Skulpturen-Ausstellung.

Am 20. März 2013 schildert anhand zahlreicher historischer und privater Fotos Julianna Salzmann zusammen mit Joachim Hennig das Leben und Wirken ihres Vaters Hugo Salzmann. Der Titel lautet: "Porträt eines Kreuznachers. Der Kommunist Hugo Salzmann." Die Veranstaltung findet statt am Mittwoch, dem 20. März 2013, um 19.00 Uhr im Schloßparkmuseum, Jagdzimmer. Veranstalter ist die Stiftung Haus der Stadtgeschichte Bad Kreuznach.

 

Am 20. März 2013 berichtet Hugos Salzmanns Tochter Julianna Salzmann zusammen mit dem Autor Joachim Hennig über ihren Vater, den Kreuznacher Kommunisten, Gewerkschafter, Kommunalpolitiker und Künstler Hugo Salzmann. Beide haben vor kurzem seine Lebensgeschichte sehr umfangreich aufgearbeitet und dargestellt und präsentieren sie nun in einem Gespräch mit einer Powerpoint-Präsentation.

 

Konkreter Anlass hierfür sind zwei ganz unterschiedliche Jahrestage: Vor 80 Jahren, kurz nach der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933, begannen die Verfolgungen der Kommunisten und Gewerkschafter. Einer der meistgesuchten in Bad Kreuznach und Umgebung war Hugo Salzmann. Für sein Ergreifen „tot oder lebendig“ hatten sie ein Kopfgeld von 800 Reichsmark ausgesetzt. Nur unter Lebensgefahr konnte er untertauchen und ins Exil fliehen. Der zweite aktuelle Anlass ist, dass Hugo Salzmann am 4. Februar 1903 geboren wurde, er wäre also im letzten Monat 110 Jahre alt geworden. Bis auf die Zeit seiner mehr als 12 Jahre langen Verfolgung und des Exils lebte und wirkte er in Bad Kreuznach. In seiner Heimatstadt starb er am 14. Oktober 1979.

In diesen 76 Jahren erlebte und durchlitt er vier Epochen der jüngsten deutschen Geschichte: Das ausgehende Kaiserreich, zuletzt als Metalldreher-Lehrling und Jung-Gewerkschafter, dann die Weimarer Republik als Jungkommunist, Betriebsratsvorsitzender, KPD-Stadtverordneter und Reichstagskandidat, dann den Nationalsozialismus als politischer Flüchtling, Emigrant in Paris, Mitglied der dortigen Emi-Leitung, Inhaftierter im Konzentrationslager Le Vernet, Gestapohäftling und vom Volksgerichtshof wegen Hochverrats zu acht Jahren Zuchthaus Verurteilter, dann die Nachkriegszeit zunächst als „Mann der ersten Stunde“ in Politik, Gewerkschaft und Gesellschaft in Bad Kreuznach, und dann schließlich die weiteren Jahre, in denen er durch das KPD-Verbot des Bundesverfassungsgerichts 1956 seiner politischen Heimat und Betätigung beraubt, „nur“ noch als Gewerkschaftssekretär und „Hobbykünstler“ aktiv war.

Neben diesem „öffentlichen“ Hugo Salzmann gab es den Privatmann, den Genossen, den Kameraden, den Ehemann und den Vater Hugo Salzmann. Salzmann war dreimal verheiratet. Die erste Ehe mit Änne Buchert Ende der 1920er war ein Irrtum. Sie ging schon nach wenigen Monaten in die Brüche. Die zweite Ehe mit Julianna Sternad ging er im Jahr 1932 ein. Sie war geprägt von Flucht, Exil und Verfolgung. Praktisch die Hälfte der Ehezeit lebten die beiden getrennt – in Konzentrationslagern, Gefängnissen und im Zuchthaus. Am 6. Dezember 1944 starb Julianna im Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück, während ihr Mann Hugo im Zuchthaus von Butzbach seine mehrjährige Haftstrafe verbüßte. Aus dieser 2. Ehe stammt der heute 80-jährige Sohn Hugo, der seit Jahrzehnten mit seiner Familie in der Heimat seiner Mutter in Graz/Österreich lebt. Nach dem Krieg ging Hugo Salzmann die dritte Ehe mit Maria Schneider ein. Aus dieser Ehe ging Frau Julianna Salzmann hervor, sie erhielt den Vornamen der zweiten Frau ihres Vaters, Julianna.

Über dieses sehr bewegte und bewegende Leben ihres Vaters wird Julianna Salzmann zusammen mit dem Autor Joachim Hennig im Gespräch einen vertiefenden Einblick geben. Außerdem wird sie in einer kleinen Ausstellung einige Schnitzarbeiten ihres Vaters, die Jahrzehntelang nicht mehr in Bad Kreuznach gezeigt wurden, präsentieren.

 


 

 

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