Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Trauer um Dr. Heinz Kahn

Der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. trauert um sein langjähriges Mitglied Heinz Kahn. Dr. Kahn war in Koblenz und weit darüber hinaus eine Symbolfigur für das Überleben und den Widerstand gegen den Holocaust.

Heinz Kahn wurde am 13. April 1922 in Hermeskeil/Hunsrück als Sohn des dortigen Tierarztes Dr. Moritz Kahn und seiner Frau Elise geboren. Sein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg und erhielt zahlreiche Orden und Auszeichnungen. Schon bald nach der Machtübernahme der Nazis begannen für die Kahns die Schikanen und Diskriminierungen. Dem Vater wurden die Befugnis zur Fleischbeschau und andere amtliche Tätigkeiten entzogen. Sohn Heinz hatte als Schüler Erniedrigungen und Ausgrenzung zu erdulden. Für seine sportlichen Leistungen wurde ihm der Preis nicht ausgehändigt, weil er Jude war. In der Klasse verbannte ihn der Lehrer in die letzte Bank, seine Arbeiten wurden nicht benotet. 1936 musste Heinz die Schule verlassen, damit sie „judenrein“ wurde. Noch in Hermeskeil war die Familie vom Novemberpogrom, der „Reichspogromnacht“, betroffen. Vater Moritz kam einige Tage ins Gefängnis, dann ließ man ihn wieder frei. Dafür musste er aber sein Haus in Hermeskeil unter Wert an die Gemeinde verkaufen.

Im März 1939 zog die Familie Kahn nach Trier. Heinz, der inzwischen in Frankfurt/Main in einer jüdischen Lehrwerkstatt arbeitete, konnte im Jahr 1941 noch der Deportation entgehen, indem er zu seinen Eltern nach Trier floh. Er und seine jüngere Schwester Gertrud wurden aber als Juden dienstverpflichtet und hatten in verschiedenen Betrieben zwangsweise Arbeit zu verrichten. Am 1. März 1943 wurde die Familie Kahn - Vater Moritz, Mutter Elise, Sohn Heinz und Tochter Gertrud - von Trier aus ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Selektion auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) wurde Heinz von der Familie getrennt. Zum Abschied sagte sein Vater zu ihm: „Heinz, Du kommst zur Arbeit, Du musst überleben!“ So kam es auch. Zum letzten Mal hatte Heinz seine Familie gesehen. Er kam zur Zwangsarbeit nach Auschwitz III – Auschwitz-Monowitz. Aufgrund seiner Geschicklichkeit und Umsicht brachte man ihn wieder nach Auschwitz-Birkenau, diesmal als „Funktionshäftling“. Man übertrug ihm besondere Aufgaben, zeitweise war er Pfleger, Häftlingsschreiber und Lagerläufer in Auschwitz II. Dadurch hatte er gewisse Privilegien und konnte anderen Häftlingen helfen.

Vor der heranrückenden Roten Armee wurde Heinz Kahn mit anderen Häftlingen des Krankenbaus am 18. Januar 1945 von Auschwitz ins KZ Buchenwald verschleppt. Dort arbeitete er im „Selektionskommando“. Das musste die Toten u.a. auf Goldzähne untersuchen, sie ihnen entfernen und das Zahngold für die SS sammeln. Am 11. April 1945 wurde er mit den in Buchenwald überlebenden Häftlingen von den Amerikanern befreit.

Dann kehrte Heinz Kahn nach Trier zurück und versuchte, wieder Fuß zu fassen, auch das Eigentum seiner Familie, wie etwa die Wohnungseinrichtung, wieder zu erlangen. Er wurde erster Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde von Trier, machte sein Abitur nach, studierte Veterinärmedizin, legte sein Examen ab und promovierte. Er heiratete Inge Hein, eine Jüdin aus Cochem, die als 14-Jährige mit ihren Eltern 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert worden war und - anders als ihre Eltern – den Holocaust überlebte.

Heinz Kahn blieb in Deutschland – dem „Land der Täter“. 1954 zogen die Eheleute Kahn nach Polch. Dort betrieb Dr. Kahn bis vor wenigen Jahren eine Tierarztpraxis. Seit 1987 war er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde von Koblenz.

Zeit seines Lebens war Heinz Kahn ein mutiger und – wenn es sein musste – auch kämpferischer Mensch. Dem Holocaust stellte er sich entgegen und leistete unter schlimmsten Umständen Widerstand. Er half seinen Kameraden im Konzentrationslager Auschwitz und machte ihnen das Leben und Überleben dort etwas leichter. Als Häftlingsschreiber im Krankenbau von Auschwitz-Birkenau rettete er vor seiner Verschleppung im Januar 1945 viele Unterlagen, indem er sie in Marmeladeneimer packte, diese verschweißte und sie dann in Wasserlachen versenkte. Deshalb war Heinz Kahn auch Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess vor nunmehr 50 Jahren. Auch gehörte Heinz Kahn zu den Mitwissern des Illegalen Internationalen Lagerkomitees vom KZ Buchenwald und Beschaffer und Verstecker der einen oder anderen Schusswaffe für die Befreiung des Lagers.

Bis zuletzt legte Heinz Kahn als Zeitzeuge in Schulen und Veranstaltungen beredtes Zeugnis von der Verfolgung und auch dem (partiellen) Widerstand der Juden im Nationalsozialismus ab. Aus dieser Gedenkarbeit ragen das Zeitzeugengespräch mit ihm zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 2005 in der Sparkasse Koblenz, das der Förderverein Mahnmal Koblenz auf DVD aufzeichnete, und sein Zeitzeugenbericht in der Plenarsitzung des Landtages von Rheinland-Pfalz am 27. Januar 2007 heraus. „Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ An Heinz Kahn werden wir lange denken und viele andere auch. Dabei helfen das aufgezeichnete Zeitzeugengespräch mit ihm und auch die für ihn erarbeitete Personentafel in der Dauerausstellung unseres Vereins. Der Text dieser Tafel sowie auch  Berichte über seine Gedenkarbeit sind auf dieser Webseite jederzeit abrufbar.

Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Kindern und besonders seiner Frau Inge. 60 Jahre lang waren die Eheleute, die ihre Familien im Holocaust verloren hatten, in guten und in schlechten Tagen bis zuletzt eng verbunden.

Dazu einen Artikel der Rhein-Zeitung vom 11. Februar 2014 HIER lesen

Neue Personentafeln: Kindertransport-Kinder

Inzwischen sind die Personentafeln, die unser Verein als regionalen Teil für die Ausstellung im Landtag "Wenn ihr hier ankommt..." dort präsentiert hat,  abgebaut und wieder in Koblenz. Wie man vom Landtag hört, war diese Ausstellung ein großer Erfolg. Allein deutlich mehr als 30 Schulklassen haben die Wanderausstellung und den regionalen Teil besichtigt. Wegen des großen Interesses hatte der Landtag die Ausstellung sogar um eine Woche verlängert.
 
Diese insgesamt sieben Tafeln werden nun in die Dauerausstellung unseres Fördervereins über Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung integriert. Damit besteht die gesamte Dauerausstellung aus nunmehr 105 Porträts von NS-Opfern. Diese sieben Tafeln dokumentieren erstmalig das Schicksal von Kindern, die von ihren Eltern weggeschickt wurden, damit sie überleben konnten. Sechs dieser Porträts zeichnen das Leben von Kindertransport-Kindern nach, die im Frühjahr und Sommer 1939 in einer groß angelegten Aktion britischer Hilfsorganisationen mit dem Zug und mit dem Schiff nach England fliehen konnten. Die allermeisten von ihnen sahen ihre Eltern nicht wieder: diese konnten Deutschland nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht mehr verlassen und wurden drei, vier Jahre später Opfer des Holocaust.  Porträtiert werden in diesem Ausstellungsteil (Button Personentafeln):
 
Rolf, Beate und Hans Bernd (Kinder des jüdischen HNO-Arztes Dr. Hugo Bernd aus Koblenz) - Personentafel 98
Helga Treidel/Helen Carey (Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Isidor Treidel aus Koblenz) - Personentafel 99
Marianne Pincus, geb. Brasch (Tochter des Koblenzer Juristen Ernst Brasch) - Personentafel 100
Günter Stern/Joe Stirling (Sohn des jüdischen Nickenicher/Koblenzer Ehepaares Alfred und Ida Stern)  - Personentafel 101
Margot und Rudolf Kahn (KInder des jüdischen Kottenheimer/Koblenzer Ehepaares Wilhelm und Jenny Kahn)  - Personentafel 102
Irene Futter, geb. Schönewald (Tochter der jüdischen Koblenzerin Bertha Schönewald) - Personentafel 103
Hugo Salzmann junior (Sohn des Bad Kreuznacher Kommunisten Hugo Salzmann) - Personentafel 10

 

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