Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Dem 125. Geburtstag Paul Schneiders entgegen

Am 29. August 1897, also vor 125 Jahren, kam Paul Schneider in Pferdsfeld bei Bad Sobernheim zur Welt. Am 18. Juli 1939 wurde er als „Schutzhäftling“ im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Seitdem trägt Pfarrer Paul Schneider, der unerschütterlich und glaubenstreu als Dorfpfarrer vom Hunsrück und bis zuletzt im KZ seinen Weg ging und anderen diesen Weg wies, den Ehrentitel „Prediger von Buchenwald. Auch heute ist Pfarrer Paul Schneider nicht vergessen. Im Gegenteil. 

Zur Erinnerung an diesen Widerständler aus christlichem Glauben hat unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig über Paul Schneider und seine Familie eine umfangreiche Dokumentation geschrieben, die seit mehr als einem Jahr auf dieser Homepage zu sehen ist und bisher viele Besucher gefunden hat.

HIER die Dokumentation lesen

Zum Jahreswechsel 2021/22 ist diese Dokumentation auch in Buchform im Rhein-Mosel-Verlag erschienen.

Das Buch ist erschienen im Rhein-Mosel-Verlag, Zell, 2021, in Klappen-Broschur mit 282 Seiten zum Preis von 14,90 €. ISBN: 978-3-89801-386-4

Seit dem 1. Januar 2022 ehren zwei Gemeinden an Nahe und Glan in besonderer Weise den aus ihrer Region stammenden Paul Schneider: Bei ihrem Zusammenschluss haben sie sich seinen Namen gegeben: „Paul-Schneider-Gemeinde Bad Sobernheim und Staudernheim“.

Paul Schneiders Geburtstag feiert „seine“ Gemeinde in vielfältiger Form und mit einem interessanten Programm. Darüber berichtet die Zeitung der Paul-Schneider-Gemeinde in ihrer jüngsten Ausgabe.

Lesen Sie hier in Auszügen die Zeitung „Die Brücke“, Ausgabe für Juli, August und September 2022.

Wie interessant Paul Schneider und sein Wirken auch heute noch ist, zeigen beispielhaft auch die Zuschriften und Kommentare, die Joachim Hennig auf seine Dokumentation hin erhalten hat. In ihrem Mittelpunkt standen dabei immer wieder die von Hennig erstmalig eingehend erörterten Umstände von Paul Schneiders Tod im KZ Buchenwald und auch die von Paul Schneider praktizierte Kirchenzucht. Die Kirchenzucht ist – was von unserer Seite als theologische Laien nicht vertieft, aber der Korrektheit willen angesprochen werden soll – auch heute noch ein Thema.

So hat Prof. Dr. Thomas Martin Schneider, Koblenz, dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland die Artikel über die Kirchenzucht 1996 aufgehoben bzw. ersatzlos gestrichen hat.

Andererseits hat der ehemalige Pastor an der Friedenskirche der reformierten Gemeinde von Osnabrück, Klaus Maßmann, auf die Bedeutung die Kirchenzucht jedenfalls für die reformierten Kirchen weltweit hingewiesen. Im Jahr 2013, aus Anlass der 450. Wiederkehr des Erscheinens der Heidelberger Katechismus im Jahr 1563 hat Maßmann eine Broschüre mit dem Titel verfasst: „Den ‚Heidelberger‘ ins Gefängnis schicken … Paul Schneider und der Heidelberger Katechismus“, 2013. Wir veröffentlichen hier die beiden Beiträge von Klaus Maßmann in dieser Broschüre mit herzlichem Dank an den Autor. Der Beitrag „Den ‚Heidelberger‘ ins Gefängnis schicken… Paul Schneider und der Heidelberger Katechismus“ ist auch lokalhistorisch sehr interessant, weil Maßmann auf die Prägung von Paul Schneiders Hunsrückgemeinden Dickenschied und Womrath durch den Heidelberger Katechismus und seine lange Geschichte hinweist.

Lesen Sie hier Ausschnitte aus der Broschüre von Klaus Maßmann.

 

 

Vor 80 Jahren: Gedenken an das „Rafle“ Mitte Juli 1942

Immer wieder sind es die Gedenktage, die die Erinnerung an die NS-Zeit wachhalten. Und das ist auch gut so, denn die Verbrechen zwischen 1933 und 1945 dürfen nicht vergessen werden – um der Opfer willen und unser aller willen, als Mahnung, damit wir uns engagieren, dass so etwas nie wieder passiert.

„Rafle“ ist Französisch und bedeutet Razzia. Der Ausgangssituation für diese Massenrazzia war folgende: Im Sommer 1942 hatte Hitler-Deutschland nach dem siegreichen „Westfeldzug“ den Norden und Westen Frankreichs besetzt und dort eine Militärregierung eingerichtet. Im Süden des Landes (und formell in ganz Frankreich)  regierte die Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Pétain. In Ausführung der auf der „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942 besprochenen „Endlösung der Judenfrage“ („Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt“, so das Protokoll) arbeiteten deutsche und französische Beamte zusammen. Sie planten Massenrazzien in Paris und an anderen Orten.  

Am 16. und 17. Juli 1942 startete die französische Polizei in Paris die erste dieser Razzien. Sie nahm 12.8000 ausländische Juden fest – 5.000 Männer, 5.800 Frauen und 4.000 Kinder. Weitere Razzien gab es u.a. in Angers. Außerdem wurden 10.500 ausländische Juden aus den Internierungslagern der „freien“ (Südzone) nach Paris verschleppt.

Die meisten Menschen wurden im Vélodrome d’Hiver, dem großen Radsportstadion in der Nähe des Eiffelturms interniert. Die Razzia dort wird als „la grande rafle du Vel’ d’Hiv’“ genannt. Die Behandlung der vielen Menschen war so brutal und menschenunwürdig, dass sogar die katholischen Kardinale und Erzbischöfe Frankreichs in einem Brief an Marschall Pétain scharfen Protest einlegten:

Wir sind zutiefst betroffen von den Berichten, die uns erreichen über die Massenverhaftungen von Israeliten in der vergangenen Woche und die harten Behandlungen, denen sie ausgesetzt sind, vor allem im Vélodrome d`Hiver, und können den Aufschrei unseres Gewissens nicht unterdrücken. Im Namen der Menschlichkeit und der christlichen Grundsätze erheben wir unsere Stimme zu einem Protest, der sich für die Unantastbarkeit der Rechte der Menschen ausspricht. Dies ist auch ein angsterfüllter Appell an die das Mitgefühl angesichts des unermesslich großen Leids, das vor allem so viele Mütter und Kinder trifft.

Einige Tage später wurden die Menschen mit Viehtransportwaggons in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

In diese Massenrazzien gerieten auch Juden aus Koblenz und Umgebung. Sie waren ab 1933 vor der Verfolgung in Hitler-Deutschland nach Frankreich geflohen – und wurden hier im vermeintlich sicheren Ausland von der Verfolgung eingeholt.

So erging es etwa der 15-jährigen Helene (Hella) Brück. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und der Verfolgung ihres Vaters kam sie zu Verwandten nach Frankreich. Diese konnten sie aber nicht vor Verfolgung schützen. Vielmehr wurde sie in Angers verhaftet und am 20. Juli 1942 In das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Auch Mitglieder der Großfamilie Allmayer (auch: Allmeyer) aus Hottenbach und Kirn an der Nahe waren von den Verfolgungen in Frankreich betroffen. Schon früh und dann nach und nach flohen die Allmayers nach Frankreich und blieben zunächst unbehelligt. Das änderte sich mit dem Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939, auch sie wurden zu „unerwünschten Ausländern“ erklärt. Während manche von ihnen unter schwierigen Umständen im September 1942 von Frankreich aus in die Schweiz fliehen konnten, internierte die französische Polizei die Eheleute Julius und Johanna Allmayer, und brachte sie in das Sammellager Drancy bei Paris. Von dort kam Julius am 22. Juli 1942 auf Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Seine Frau Johanna ging am 4. März 1943 auf Transport nach dem Osten, das Ziel war wohl das Vernichtungslager Sobibor. Beide kehrten nicht zurück.

Diese und andere Verbrechen in der Kollaborationszeit wurden in Frankreich Jahrzehnte lang verschwiegen. Erst der französische Rechtsanwalt und Holocaust-Überlebende Serge Klarsfeld machte mit seiner Frau Beate diese Geschehnisse und die Opfer in den 1970er Jahren öffentlich. Auch dann dauerte es noch Jahre, bis sich das offizielle Frankreich zu der Wahrheit bekannte. Im Jahr 1995 gestand Ministerpräsident Jacques Chirac den Anteil Frankreichs an der „Endlösung der Judenfrage“ ein: „Ces heures noires souillent à jamais notre histoire. … Diese finstere Stunden besudeln auf immer unsere Geschichte. Sie sind eine Beleidigung unserer Vergangenheit und unserer Traditionen. Ja, jeder weiß es, der verbrecherische Wahnsinn der Besatzer wurde von Franzosen, vom französischen Staat unterstützt.“

Inzwischen ist „La rafle du Vél d'Hiv“ zum feststehenden Begriff im französischen Wortschatz geworden. Die Gedenkveranstaltungen werden in diesem Jahr besonders sein – jähren sich die Massenrazzien doch zum 80. Mal.

In Deutschland ist die Verfolgung der Juden, auch der deutschen Juden, in Frankreich vor 80 Jahren so gut wie unbekannt. Damit diese gemeinsame – von den Deutschen damals initiierte und den Franzosen mitgemachte – Geschichte und ihre Opfer nicht vergessen wird, erinnert unser Förderverein daran. Das ist auch eindrücklich möglich, waren doch unter diesen Opfern zahlreiche jüdische Menschen aus Koblenz und Umgebung, die nach zuvor nach Frankreich geflüchtet waren.

Zur Erinnerung an diese Geschehnisse und an die Opfer präsentiert unser Förderverein eine neue Ausstellung zum Thema. „Verfolgung, Inhaftierung und Verschleppung jüdischer und politischer Emigranten in Frankreich“, die auch HIER auf dieser Homepage anzuschauen ist:

Außerdem hat unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig ergänzend zu dieser Ausstellung weitere Biografien erarbeitet, die – wie die Geschichte von Hella Brück aus Koblenz  und die der Großfamilie Allmayer aus Hottenbach und Kirn - jetzt ebenfalls auf der Homepage zu sehen sind:

Familie Hugo Brück (Jüdische Familie aus Koblenz)

Familien Allmayer (jüdische Familien aus Hottenbach und Kirn)

Familie Fritz Berlin (Jüdische Familie aus Koblenz)

Wilhelm Ermann und seine Angehörigen (Jüdische Familie aus Wittlich)

Familie Ernst Diewald (Jüdische Familie aus Wittlich)

Peter Habscheid (Kommunist aus Wittlich)

Winand und Helene Schnitzler (Familie eines Kommunisten aus Koblenz)

Familie Josef (Jupp) Füllenbach (Sozialdemokrat aus Neuwied)

 

 

 

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