Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Vor 80 Jahren: Gedenken an das „Rafle“ Mitte Juli 1942

Immer wieder sind es die Gedenktage, die die Erinnerung an die NS-Zeit wachhalten. Und das ist auch gut so, denn die Verbrechen zwischen 1933 und 1945 dürfen nicht vergessen werden – um der Opfer willen und unser aller willen, als Mahnung, damit wir uns engagieren, dass so etwas nie wieder passiert.

„Rafle“ ist Französisch und bedeutet Razzia. Der Ausgangssituation für diese Massenrazzia war folgende: Im Sommer 1942 hatte Hitler-Deutschland nach dem siegreichen „Westfeldzug“ den Norden und Westen Frankreichs besetzt und dort eine Militärregierung eingerichtet. Im Süden des Landes (und formell in ganz Frankreich)  regierte die Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Pétain. In Ausführung der auf der „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942 besprochenen „Endlösung der Judenfrage“ („Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt“, so das Protokoll) arbeiteten deutsche und französische Beamte zusammen. Sie planten Massenrazzien in Paris und an anderen Orten.  

Am 16. und 17. Juli 1942 startete die französische Polizei in Paris die erste dieser Razzien. Sie nahm 12.8000 ausländische Juden fest – 5.000 Männer, 5.800 Frauen und 4.000 Kinder. Weitere Razzien gab es u.a. in Angers. Außerdem wurden 10.500 ausländische Juden aus den Internierungslagern der „freien“ (Südzone) nach Paris verschleppt.

Die meisten Menschen wurden im Vélodrome d’Hiver, dem großen Radsportstadion in der Nähe des Eiffelturms interniert. Die Razzia dort wird als „la grande rafle du Vel’ d’Hiv’“ genannt. Die Behandlung der vielen Menschen war so brutal und menschenunwürdig, dass sogar die katholischen Kardinale und Erzbischöfe Frankreichs in einem Brief an Marschall Pétain scharfen Protest einlegten:

Wir sind zutiefst betroffen von den Berichten, die uns erreichen über die Massenverhaftungen von Israeliten in der vergangenen Woche und die harten Behandlungen, denen sie ausgesetzt sind, vor allem im Vélodrome d`Hiver, und können den Aufschrei unseres Gewissens nicht unterdrücken. Im Namen der Menschlichkeit und der christlichen Grundsätze erheben wir unsere Stimme zu einem Protest, der sich für die Unantastbarkeit der Rechte der Menschen ausspricht. Dies ist auch ein angsterfüllter Appell an die das Mitgefühl angesichts des unermesslich großen Leids, das vor allem so viele Mütter und Kinder trifft.

Einige Tage später wurden die Menschen mit Viehtransportwaggons in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

In diese Massenrazzien gerieten auch Juden aus Koblenz und Umgebung. Sie waren ab 1933 vor der Verfolgung in Hitler-Deutschland nach Frankreich geflohen – und wurden hier im vermeintlich sicheren Ausland von der Verfolgung eingeholt.

So erging es etwa der 15-jährigen Helene (Hella) Brück. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und der Verfolgung ihres Vaters kam sie zu Verwandten nach Frankreich. Diese konnten sie aber nicht vor Verfolgung schützen. Vielmehr wurde sie in Angers verhaftet und am 20. Juli 1942 In das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Auch Mitglieder der Großfamilie Allmayer (auch: Allmeyer) aus Hottenbach und Kirn an der Nahe waren von den Verfolgungen in Frankreich betroffen. Schon früh und dann nach und nach flohen die Allmayers nach Frankreich und blieben zunächst unbehelligt. Das änderte sich mit dem Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939, auch sie wurden zu „unerwünschten Ausländern“ erklärt. Während manche von ihnen unter schwierigen Umständen im September 1942 von Frankreich aus in die Schweiz fliehen konnten, internierte die französische Polizei die Eheleute Julius und Johanna Allmayer, und brachte sie in das Sammellager Drancy bei Paris. Von dort kam Julius am 22. Juli 1942 auf Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Seine Frau Johanna ging am 4. März 1943 auf Transport nach dem Osten, das Ziel war wohl das Vernichtungslager Sobibor. Beide kehrten nicht zurück.

Diese und andere Verbrechen in der Kollaborationszeit wurden in Frankreich Jahrzehnte lang verschwiegen. Erst der französische Rechtsanwalt und Holocaust-Überlebende Serge Klarsfeld machte mit seiner Frau Beate diese Geschehnisse und die Opfer in den 1970er Jahren öffentlich. Auch dann dauerte es noch Jahre, bis sich das offizielle Frankreich zu der Wahrheit bekannte. Im Jahr 1995 gestand Ministerpräsident Jacques Chirac den Anteil Frankreichs an der „Endlösung der Judenfrage“ ein: „Ces heures noires souillent à jamais notre histoire. … Diese finstere Stunden besudeln auf immer unsere Geschichte. Sie sind eine Beleidigung unserer Vergangenheit und unserer Traditionen. Ja, jeder weiß es, der verbrecherische Wahnsinn der Besatzer wurde von Franzosen, vom französischen Staat unterstützt.“

Inzwischen ist „La rafle du Vél d'Hiv“ zum feststehenden Begriff im französischen Wortschatz geworden. Die Gedenkveranstaltungen werden in diesem Jahr besonders sein – jähren sich die Massenrazzien doch zum 80. Mal.

In Deutschland ist die Verfolgung der Juden, auch der deutschen Juden, in Frankreich vor 80 Jahren so gut wie unbekannt. Damit diese gemeinsame – von den Deutschen damals initiierte und den Franzosen mitgemachte – Geschichte und ihre Opfer nicht vergessen wird, erinnert unser Förderverein daran. Das ist auch eindrücklich möglich, waren doch unter diesen Opfern zahlreiche jüdische Menschen aus Koblenz und Umgebung, die nach zuvor nach Frankreich geflüchtet waren.

Zur Erinnerung an diese Geschehnisse und an die Opfer präsentiert unser Förderverein eine neue Ausstellung zum Thema. „Verfolgung, Inhaftierung und Verschleppung jüdischer und politischer Emigranten in Frankreich“, die auch HIER auf dieser Homepage anzuschauen ist:

Außerdem hat unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig ergänzend zu dieser Ausstellung weitere Biografien erarbeitet, die – wie die Geschichte von Hella Brück aus Koblenz  und die der Großfamilie Allmayer aus Hottenbach und Kirn - jetzt ebenfalls auf der Homepage zu sehen sind:

Familie Hugo Brück (Jüdische Familie aus Koblenz)

Familien Allmayer (jüdische Familien aus Hottenbach und Kirn)

Familie Fritz Berlin (Jüdische Familie aus Koblenz)

Wilhelm Ermann und seine Angehörigen (Jüdische Familie aus Wittlich)

Familie Ernst Diewald (Jüdische Familie aus Wittlich)

Peter Habscheid (Kommunist aus Wittlich)

Winand und Helene Schnitzler (Familie eines Kommunisten aus Koblenz)

Familie Josef (Jupp) Füllenbach (Sozialdemokrat aus Neuwied)

 

 

 

Auf den Spuren der jüdischen Vorfahren

Seit vielen Jahren ist es ein guter Brauch, dass sich Menschen jüdischer Herkunft ihrer eigenen Wurzeln und der ihrer Familie besinnen und auf Spurensuche in die „alte Heimat“ begeben. Diese Spurensuche ist in Koblenz sogar eine Institution, denn seit 1985 organisiert die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit solche „Heimatbesuche“ nach Koblenz.

Vor einigen Tagen kam nun ein Ehepaar aus Chicago/USA ganz auf Privatinitiative hin zum Besuch an den Rhein. Die Eheleute Barry und Carole Mortge nahmen ihre Tour durch Europa, die sie bei einer Schiffskreuzfahrt von Amsterdam nach Budapest und dabei auch nach Koblenz führte, zum Anlass zu einem Abstecher nach Rhens. Dort hatte Barry Mortges Familie nachweislich seit Anfang des 19. Jahrhunderts als Kaufleute gelebt, bis sie angesichts der Diskriminierungen und der drohenden Verfolgung durch die Nazis und ihre Helfer ihre mittelrheinische Heimat hatte verlassen müssen. Schon in Chicago hatte sich Barry Mortge eingehend mit dieser Geschichte beschäftigt, die die Koblenzer Forscherin Hildburg-Helene Thill vor Jahrzehnten akribisch aufgezeichnet hatte („Rhens Judenrein“, in: Sachor. Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft 8 – 3/94, S. 20-27) und die im Internet verfügbar ist:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20391/SACHOR%203-94%20Rhens.pdf

In Rhens angekommen, führten der Stadtführer Franz-Josef Schmillen und Marion Schoenherr von Rheingau-Tours die Eheleute Mortge zu den Erinnerungsorten ihrer Familie in Rhens.

Die Rhein-Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 6. Juli 2022 ausführlich darüber. In Ergänzung dazu führte der Mitarbeiter der Zeitung Marc Thielen ein Interview mit unserem stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig. Themen waren der Alltag der Juden in der NS-Zeit und deren Deportationen von Koblenz aus in den Holocaust („Bahnhof Lützel ist Schicksalsort für Hunderte Juden“).

Lesen Sie HIER den Bericht über den Besuch der Eheleute Mortge aus Chicago in Rhens und das Interview mit Joachim Hennig
(
Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung)

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